Die Angst, verrückt zu werden (Schizophrenie / Psychose)

Von Sarina Kühne, Burkhard Ciupka-Schön, PD Dr. Susanne Fricke und Martin Niebuhr


Hast du große Angst davor, Stimmen zu hören oder Dinge zu sehen, die nicht real sind? Löst der Gedanke, dass du schizophren oder psychotisch sein oder werden könntest, starke Ängste und Verzweiflung in dir aus? Kontrollierst du dich ständig auf psychotische Symptome und recherchierst diese exzessiv im Internet oder in anderen Informationsquellen? Falls du dich darin wiedererkennst, könntest du unter Zwangsgedanken rund um das Thema Psychose und Schizophrenie leiden. Mithilfe verhaltenstherapeutischer Verfahren gelten Zwangsgedanken heutzutage als sehr gut therapierbar.

Vermutlich hast du dir dein Leben lang keine Gedanken darüber gemacht, ob du vielleicht verrückt werden könntest. Der einzige Kontakt, den du - wenn überhaupt - zu diesen Themen hattest, waren Filme wie “A Beautiful Mind” über psychotische Menschen, die den Bezug zur Realität verlieren.

Vielleicht hast du auch schon einmal aus Neugier eine Dokumentation über eine schizophrene Person geschaut oder hast sogar einen Fall in deinem Bekanntenkreis. Jedoch war deine Realität immer eindeutig real für dich - bis jetzt.

Was auch immer der Auslöser war - ein Gefühl der Selbstentfremdung, die Erfahrung eines emotionalen Kontrollverlustes oder eine vermeintliche Halluzination: Dich lässt der Gedanke, dass du “verrückt” bist oder werden könntest, einfach nicht mehr los. Ununterbrochen kontrollierst du dich auf mögliche Anzeichen einer Psychose (wie etwa das Auftreten von Halluzinationen) oder liest fleißig jeden Artikel über die Entwicklung von Schizophrenien und versuchst Parallelen zu dir zu finden. Du wirst den ganzen Tag von aufdringlichen und beängstigenden Gedanken geplagt, die dich deinen Geisteszustand in Frage stellen lassen. Diese Gedanken und der Drang, mit allen Mitteln endlich Gewissheit herzustellen, sind jedoch keine Symptome einer Schizophrenie, sondern Symptome einer anderen psychischen Erkrankung - der Zwangsstörung.

Zwangsgedanken rund um das Thema Schizophrenie und Psychose sind ein Subtyp der Zwangserkrankungen, bei dem der Betroffene von andauernden, aufdringlichen Gedanken, Zweifeln und Befürchtungen geplagt wird, psychotisch, schizophren oder “verrückt” zu sein bzw. zu werden. Der Betroffene versucht durch Zwangshandlungen, wie das Kontrollieren auf die Echtheit von visuellen oder auditiven Reizen oder ständiges Grübeln, den daraus resultierenden Ängsten entgegenzuwirken und vermeintliche Sicherheit zu erlangen. Im englischsprachigen Raum gibt es für diesen - nicht seltenen - Subtypen der Zwangsstörung den passenden Begriff “Schizophrenia OCD”.

Dieser Artikel wurde verfasst von Sarina Kühne und Burkhard Ciupka-Schön und PD Dr. Susanne Fricke. Sarina Kühne ist eine ehemalige Betroffene einer Zwangsstörung und hatte zeitweise auch mit Zwangsgedanken über Psychose und Schizophrenie zu kämpfen. Heute setzt sie sich für die Aufklärung über Zwangserkrankungen ein. Burkhard Ciupka-Schön und Susanne Fricke sind Verhaltenstherapeuten, Spezialisten für Zwangsstörungen und Autoren verschiedener Fach- und Selbsthilfebücher. Unsere Botschaft an dich: Zwangsgedanken über Psychosen und Schizophrenie können mit den richtigen Strategien erfolgreich überwunden werden.

Symptome Schizophrenie / Psychose vs. Zwangsgedanken

Woran kannst du erkennen, ob es sich bei dir um Zwangsgedanken oder um eine Psychose handelt?

Der erste Indikator, der für eine Zwangserkrankung spricht, ist die Tatsache, dass du diesen Artikel liest. Als Betroffener einer Zwangsstörung hast du Zweifel und bist auf der Suche nach einer klaren Antwort, während jemand mit einer Psychose, der sich gerade im akuten Stadium seiner Erkrankung befindet, zweifellos von der (falschen) Wahrnehmung seiner Halluzinationen überzeugt ist.

Was sind eigentlich Psychosen?

Unter dem Begriff Psychosen sind eine Reihe von Krankheiten zusammengefasst, die häufig mit einem Realitätsverlust, Wahnideen, Halluzinationen und anderen Symptomen einhergehen. Die Schizophrenie ist vermutlich die bekannteste Form einer Psychose, es gibt aber auch noch andere. Innerhalb der Schizophrenie gibt es verschiedene Subgruppen: Die häufigste Subgruppe ist die sogenannte paranoide Schizophrenie, manchmal auch paranoid-halluzinatorische Schizophrenie oder paranoid-halluzinatorische Psychose genannt.

Haben Menschen Zwangsgedanken, eine Psychose zu bekommen, verrückt zu werden oder schizophren zu sein, so beziehen sich diese Befürchtungen häufig auf diese Subgruppe. Wenn wir im weiteren Text von Psychosen sprechen, so meinen wir daher vor allem diese Subgruppe der Schizophrenie.

Von einer Zwangserkrankung lässt sich dieses Krankheitsbild mit den im folgenden Text aufgeführten Punkten diagnostisch gut voneinander abgrenzen.

  1. Eine paranoide Schizophrenie / paranoid-halluzinatorische Psychose ist eine psychische Erkrankung, die beispielsweise mit Wahnvorstellungen (z.B. jemand fühlt sich verfolgt, obwohl das nicht stimmt) einhergeht. Betroffene hören häufig bedrohliche Stimmen, die ihnen wie reale Stimmen vorkommen – wirklich real sind diese aber nicht. Ein Betroffener kann außerdem davon überzeugt sein, dass seine Gedanken laut werden und von anderen zu hören sind oder dass andere ihm Gedanken eingeben oder auch wegnehmen. Dieser Realitätsverlust ist einem Menschen mit dieser Psychose allerdings nicht bewusst.

  2. Im Gegensatz zu Menschen mit einer schizophrenen Psychose ist die Realitätsprüfung bei Zwangserkrankten weiterhin vorhanden. Falls du davon betroffen bist, bist du dir deiner Ängste und Zwänge bestens bewusst. Du leidest unter ihnen, hast in der Regel eine Krankheitseinsicht und siehst das “Problem” eher bei dir als bei anderen. Und dieses Problem versuchst du, um jeden Preis in den Griff zu bekommen - indem du beispielsweise diesen Artikel liest.

  3. Generell zeichnet sich eine Zwangsstörung durch aufdringliche, wiederkehrende Gedanken (Zwangsgedanken) aus, die bei Zwangserkrankten große Anspannung verursachen. Auf die Gedanken reagiert der Betroffene mit Ritualen (Zwangshandlungen), um diese Anspannung aufzulösen (mehr dazu erfährst du in unseren Artikeln über die 5 Gemeinsamkeiten aller Zwänge (LINK) und den Teufelskreis Zwang (LINK); findest du dich in diesen Artikeln wieder, spräche dies eher für eine bei dir bestehende Zwangsstörung und gegen eine Schizophrenie). Bei Betroffenen, die befürchten, verrückt zu werden, ist eine häufige Zwangshandlung das Recherchieren von psychotischen Symptomen, in der Hoffnung, endlich eine Antwort zu finden. So bist du wahrscheinlich auch auf diesen Artikel gestoßen.

  4. Während du als Betroffener einer Zwangsstörung also ständig kontrollierst, ob deine Sinneseindrücke echt sind oder nicht, würde jemand mit einer Schizophrenie seine (falschen) Sinneseindrücke gar nicht erst infrage stellen. Fragen wie “Was wäre, wenn diese Person da drüben eine Halluzination ist?” stellt sich ein Zwangserkrankter, der Angst vor einer Psychose hat, während eine tatsächlich psychotische Person beispielsweise denken würde “Wer ist diese Person da drüben und wieso verfolgt sie mich?”.

  5. Ein weiteres Argument für eine Zwangsstörung wären die Wirksamkeit von Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI) und die Unwirksamkeit von Neuroleptika. Die SSRI wirken bei Zwängen erfolgreich, weil hier vorrangig die Serotoninrezeptoren angesprochen werden. Die Dopamin-Rezeptoren werden durch Neuroleptika angesprochen und die werden Menschen gegeben, die an einer Psychose leiden. (Hinweis: In seltenen Fällen erhalten auch Betroffene von Zwängen ergänzend zu SSRI ausgewählte Neuroleptika, allerdings in einer deutlich niedrigeren Dosierung als jemand mit einer Schizophrenie.).

Du siehst also: Deine Zweifel (Zwangsgedanken), deine Versuche, die Zweifel aufzulösen (Zwangshandlungen) und dein ständiges Infragestellen sprechen viel eindeutiger für eine Zwangserkrankung als für eine Psychose.

Und während du diese Zeilen liest, schleicht sich bei dir vielleicht schon ein neuer Zweifel ein: “Was ist, wenn ich die Ausnahme bin?”, “Kann ich diesem Artikel wirklich trauen?”, “Wie kann ich wirklich sicher sein?”. Auch diese Zwangsgedanken über den Zwang selbst sind wiederum ein typisches Merkmal einer Zwangsstörung. Nicht grundlos wird die Zwangserkrankung auch die “Krankheit des Zweifelns” genannt.

Die Fehlinterpretation einer vermeintlichen Prodromalphase als Beginn einer Schizophrenie

Vielleicht bist du beim Googlen über Symptome von Schizophrenien auch schon auf die sogenannte Prodromalphase gestoßen und hast diese als eindeutigen Beweis für deine vermeintlich bevorstehende Psychose interpretiert.

Eine Schizophrenie ist häufig durch eine Vorläuferphase, der sogenannten Prodromalphase, gekennzeichnet. Diese geht der akuten psychotischen Episode mit den oben beschriebenen Symptomen voraus. In dieser Prodromalphase leidet der Betroffene unter anderem unter emotionale Empfindlichkeit, Schlafstörungen, Interesselosigkeit an sonst geliebten Hobbies, verminderte Leistungen im Beruf oder in der Schule und zieht sich sozial zurück. Auch körperliche Beschwerden wie Magen-Darm-Probleme oder eine veränderte Herzfrequenz können auftreten.

Diese Symptomatik hat viele Überschneidungspunkte mit den Symptomen einer Angst- bzw. Zwangsstörung und vor allem auch mit denen einer Depressionen. Es ist also naheliegend, dass du im Zuge deiner Zwangserkrankung an diesen Symptomen leidest (zumal Zwangsstörungen ohnehin schon oft gemeinsam mit Depressionen auftreten), und diese nun irrtümlich als erstes Symptom einer Schizophrenie deutest. Eine solche Gefühlslage ist also kein eindeutiger Beweis für eine beginnende Schizophrenie, sondern ein weiteres typisches Merkmal der Zwangsstörung.

Schizophrenie mit komorbider Zwangsstörung

Betroffene einer Schizophrenie haben ein um 10-50% erhöhtes Risiko, gleichzeitig auch unter einer Zwangsstörung zu leiden. Diese Komorbidität wird häufig „Schizo-Obsessive Disorder“ genannt. Uns ist bewusst, dass diese Information dem Großteil unserer Leser sicherlich Angst machen wird. Wir wollen aber darauf hinweisen, dass

  • eine solche Komorbidität ein Subtyp der Schizophrenie und nicht der Zwangsstörung ist.
  • für eine solche Komorbidität daher zuerst und eindeutig eine Schizophrenie diagnostiziert werden muss (unabhängig von der Zwangsstörung).
  • Betroffene einer reinen Zwangsstörung keine erhöhte Wahrscheinlichkeit haben, an einer Schizophrenie zu erkranken.

In diesem Blog-Artikel gehen wir auf diese Komorbidität nicht weiter ein. Für weitere Recherche empfehlen wir diesen Artikel der IOCDF und diese Podcast-Folge von „The OCD Stories“.

Beispiele für Auslöser bei Zwangsgedanken über Psychose / Schizophrenie:

Wenn du unter Zwangsgedanken über Psychosen leidest, steckst du in der Regel mitten im Teufelskreis Zwang. Neue Zwangsgedanken, Zweifel und Trigger feuern diesen Teufelskreis an - und du fühlst dich ihnen (vermeintlich) wehrlos ausgeliefert.

In deinem Alltag wirst du sicherlich auch immer wieder mit Triggern konfrontiert, die bei dir neue Zweifel und Zwangsgedanken auslösen. Oftmals kommen neue Zwangsgedanken und Zweifel aber auch von ganz allein. Häufig stammen die Trigger sogar direkt aus deiner eigenen Körperwahrnehmung. So deutest du eventuell auftretende Angstsymptome wie Verwirrtheit, überhöhte Aufmerksamkeit auf dich und deine Umgebung oder Konzentrationsschwierigkeiten als Beweise für das Auftreten einer Psychose.

Weitere Auslöser für deinen Zwang können sein:

  • Das Gefühl von Reizüberflutung bei lauten Geräuschen oder an menschenüberfüllten Orten.
  • Die Anwesenheit von anderen Menschen mit psychotischen Erkrankungen.
  • Der Gebrauch von psychoaktiven Substanzen.
  • Schwierigkeiten damit, sich an bestimmte Ereignisse zu erinnern oder Konzentrationsschwierigkeiten.
  • Körperliche Symptome wie Schwindel oder Kopfschmerzen.
  • Vermeintliche Halluzinationen, z. B. Körperempfindungen, Schmerzen, Geräusche, Geschmäcker oder Gerüche (vermeintlich, weil du dir nicht wirklich sicher bist, diese wirklich wahrgenommen zu haben).

Ein sehr gängiger Auslöser für Zwangsgedanken ist außerdem das Auftreten von Entfremdungs- und Unwirklichkeitsgefühlen im Zuge eines Depersonalisations- und Derealisationserlebens.

Bei der Depersonalisation erlebt der Betroffene einen Zustand der Selbstentfremdung und nimmt sich selbst als fremdartig oder unwirklich wahr und die eigenen Gefühle werden als fern, fremd und nicht zur eigenen Identität gehörend gewertet. Bei der Derealisation fühlt der Betroffene sich seiner Umwelt gegenüber entfremdet. Die Umwelt kommt dem Betroffenen, während er weiterhin eine realistische und detailgetreue Wahrnehmung von ihr hat, plötzlich unvertraut, befremdlich und unreal vor.

Diese Entfremdungsgefühle werden von Betroffenen schnell als Indikator für eine Psychose fehlgedeutet. Jedoch tritt das Depersonalisations- und Derealisationssyndrom häufig im Zuge einer anderen psychischen Erkrankung auf (bspw. bei Angst-, Zwangs oder Panikstörungen) oder auch bei Gesunden. Es stellt daher keinen eindeutigen Hinweis auf eine Psychose dar.

Typische Befürchtungen hinter Zwangsgedanken über Psychose / Schizophrenie:

Zwangsgedanken über Psychosen lösen große Anspannungen und Ängste in dir aus, da sich hinter ihnen meist vermeintlich konkrete Befürchtungen verbergen. In Wirklichkeit sind die Befürchtungen aber höchst abstrakt und unwirklich - erst die durch sie ausgelöste Anspannung lässt die Befürchtungen konkret und wirklich erscheinen.

Als Betroffener, der zwanghafte Angst vor einer Schizophrenie hat, leidest du typischerweise unter folgenden Befürchtungen:

  • Die Angst, dass du den Verstand und die Kontrolle über dich verlierst.
  • Die Befürchtung, dass du dein Leben nicht mehr führen kannst, wie du es willst, und deine Selbstständigkeit verlierst.
  • Die Angst, dass du echte Erfahrungen nicht mehr als solche erkennen kannst und du deinen Erinnerungen nicht mehr vertrauen kannst.
  • Die Befürchtung, dass du unangemessene Verhaltensweisen an den Tag legen könntest, die dich sozial funktionsunfähig machen.
  • Die Angst, in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen werden zu müssen.
  • Die existenzielle Angst, dass du durch den Verlust deines Bewusstseins einen Quasi-Tod stirbst.

Wie bei anderen Zwängen spielt auch hier die Angst vor Ungewissheit eine zentrale Rolle: Du versuchst, auf deine Zweifel eindeutige Antworten zu finden, um deine Angst und Anspannung auflösen zu können. In der Hoffnung, Klarheit zu erlangen, greifst du auf verschiedene problematische Bewältigungsstrategien - sogenannte Zwangshandlungen - zurück.

Manchmal befürchten Menschen mit einer Zwangserkrankung auch, „schizophren“ zu sein, weil sie sich darunter etwas vorstellen, was fachlich nicht korrekt ist:

  • Manche fragen sich, ob sie „schizophren“ (im Sinne von gespalten) sind, weil sie einerseits wissen, dass ihre Zwangsgedanken unsinnig sind, sie aber andererseits trotzdem Angst haben und Zwangshandlungen ausführen müssen.
  • Andere Menschen mit einer Zwangserkrankung trauen ihrer Wahrnehmung nicht (z.B., wenn man bei einem Kontrollzwang sieht, dass der Herd aus ist, man aber trotzdem nicht sicher ist) und fragen sich, ob sie deswegen „verrückt“ sind.

Beispiele für Zwangshandlungen bei Zwangsgedanken über Psychose / Schizophrenie:

Mit Zwangshandlungen versuchst du, deine Befürchtungen um jeden Preis zu verhindern und deine Anspannung loszuwerden. Zwangshandlungen gaukeln dir zwar vor, deine Befürchtungen kontrollieren zu können, tun es in Wahrheit aber nur bedingt (wenn überhaupt). Langfristig führen sie dazu, dass du im Zwang gefangen bleibst.

Typische Zwangshandlungen sind:

  • Du recherchierst exzessiv die Symptome einer Schizophrenie und vergleichst dich und dein Empfinden damit.
  • Du kontrollierst auditive oder visuelle Reize ständig auf ihre Echtheit, indem du beispielsweise jemand anderen fragst, ob er das auch gehört/gesehen hat.
  • Du versuchst, von Fachpersonal (bspw. deinem Therapeuten) rückversichert zu werden oder fragst deine Familie oder Freunde nach deren Wahrnehmung von dir.
  • Du vermeidest Situationen, die deine Befürchtungen verstärken oder fängst an, dich zu isolieren.
  • Du gehst in deinem Kopf immer wieder vergangene Situationen und Konversationen durch, um vermeintliche Beweise, die für oder gegen eine Psychose sprechen, zu finden (bei solchen Grübeleien spricht man von mentalen Zwangshandlungen oder Grübelzwängen).

Therapie bei Zwangsgedanken über Psychose / Schizophrenie

Bis in die 90er Jahre hinein gingen viele Therapeuten von der Gültigkeit einer längst überholten psychiatrischen Lehrmeinung aus. Diese besagte, dass hinter der Zwangsstörung eigentlich eine Schizophrenie verborgen ist. Aus diesem Grund – so die Ansicht - solle man die Zwänge unangetastet lassen. Die Behandlung ging in diesen Fällen dann in Richtung Schizophrenie, d.h. Einstellung auf neuroleptische Medikamente und Vermeidung emotional belastender Situationen. Vermieden wurde damit aber auch die bei Zwangsstörungen sehr intensive, aber effektive, Psychotherapie mit Expositionen und Reaktionsmanagement.

Exposition galt bei Zwangserkrankten, die unter einer vermeintlichen Schizophrenie litten, sogar als schädlich, weil - so die irrige Meinung - durch den Wegfall der Zwänge, die Psychose hervorgelockt werde. Mittlerweile ist das Wissen über die Zusammenhänge bei Zwängen und Psychosen aber bei fast allen Psychologen und Psychiatern angekommen: Die Therapie der ersten Wahl für alle Subtypen der Zwangsstörungen ist die kognitive Verhaltenstherapie einschließlich Expositionen und Reaktionsmanagement.

Bei dieser effektiven Form der Psychotherapie lernst du, dich Schritt für Schritt angstauslösenden Situationen und Gedanken zu stellen (Exposition) ohne zu versuchen, die ausgelöste Anspannung mithilfe von problematischen Bewältigungsstrategien wie Zwangshandlungen, Vermeidungen oder Rückversicherungen zu verringern (Reaktionsmanagement).

Die verhaltenstherapeutische Grundidee ist bei Zwangsgedanken über Psychosen und Schizophrenie also die gleiche, wie bei anderen Zwängen auch: Es gilt, sich den Teufelskreis aus Zwangsgedanken, zwanghafter Anspannung und Zwangshandlungen bewusst zu machen und diesen unter anderem an der Stelle der (mentalen) Zwangshandlungen zu unterbrechen.

Mithilfe solcher Expositionen machst du die Erfahrung, dass du zwangsauslösende Situationen und Gedanken aushalten kannst und deine Anspannung sogar nachlässt, wenn du nichts dagegen unternimmst. Dadurch, dass du dir Schritt für Schritt beibringst, auf deine Anspannung auf eine neue Art zu reagieren, geht deine Zwangssymptomatik zurück und die Anspannung lässt langfristig nach.

Auch wenn die Therapie mit Expositionen als anstrengend gilt, so ist sie für Betroffene doch sehr lohnend: Zwangsstörungen zählen heute zu den psychischen Störungen mit den besten Therapieaussichten.

Eine andere Sichtweise erlangen

Thematisch dreht sich der Zwang immer um Themen, die einem Betroffenen besonders wichtig sind. So wie sich bei anderen Betroffenen der Zwang um Themen, wie Sauberkeit, Beziehungen, Ordnung oder Sexualität, dreht, ist es bei dir deine psychische Gesundheit - vermutlich, weil dir deine Autonomie als Mensch sehr wichtig ist und diese durch eine Psychose oder Schizophrenie stark beeinträchtigt würde. Gemeinsam haben aber die meisten Zwänge eines: Die Suche nach hundertprozentiger Gewissheit. Zur Überwindung ihrer Zwänge müssen Betroffene aller Zwänge erkennen, dass die Suche nach dieser Gewissheit nicht nur unerreichbar ist, sondern ihre Zwangsstörung langfristig aufrechterhält und diese sogar verstärkt.

Im Endeffekt ist der einzige Unterschied zwischen dir und einem Menschen, der nicht ständig an seinem Geisteszustand zweifelt, nicht etwa eine Psychose oder eine anstehende Schizophrenie, sondern der Fakt, dass du Unsicherheit nicht tolerieren kannst. Das Futter deiner Zwangsstörung ist also dein ununterbrochenes Grübeln und Kontrollieren, mit dem du deine Ungewissheit und Anspannung loswerden willst. Es mag paradox klingen, aber erst wenn du Unsicherheit akzeptierst, gibst du deinen Zwangsgedanken die Möglichkeit vorbeizuziehen, ohne dass sie riesige Ängste in dir auslösen.

Der erste Schritt der Genesung beginnt daher mit der Akzeptanz, dass alle bisherigen Versuche, endlich vollständige Gewissheit und Ruhe von deinen Zweifeln über deinen Geisteszustand zu haben, zum Scheitern verurteilt sind. Diese Akzeptanz bedeutet nicht, dass du dich für immer mit qualvoller Anspannung, belastenden Zweifeln und ständigen Grübelketten abfinden musst - im Gegenteil. Authentische Akzeptanz bewirkt ein Loslassen von Gedanken, wodurch du dich weniger zum Analysieren und Kontrollieren gezwungen fühlst.

Akzeptanz bedeutet auch nicht, dass du deine Gedanken und deinen angespannten Zustand mögen musst. Sie bedeutet lediglich, dass du den Kampf dagegen aufgibst. Lässt du los, gibst du den Zwangsgedanken die Möglichkeit, auch dich loszulassen. Akzeptanz ermöglicht auch keine Wunderheilung über Nacht. Sie ist keine einmalige Handlung, sondern ein immer fortlaufender, teils anspruchsvoller Prozess. Zusammen mit den folgenden Techniken und Strategien kann die Akzeptanz aber ein wichtiger Baustein für deine Genesungsreise zurück in ein freies und selbstbestimmtes Leben sein.

Grübeln und Zwangshandlungen verstärken deinen Zwang

Was alle Betroffenen von Zwangsstörungen lernen müssen, ist, dass Zwangshandlungen und Grübeln keine langfristigen Lösungen sind, sondern die Hauptursache für die Aufrechterhaltung ihrer Zwangsstörung. Mit Zwangshandlungen versuchst du, dir hundertprozentige Gewissheit zu verschaffen - wirst diese jedoch nie erlangen. Stattdessen werden sie genau das Gegenteil vom erhofften Effekt bewirken: Deine Ungewissheit wird noch größer und wird sich noch dringlicher anfühlen. Dieser Effekt konnte auch in Studien nachgewiesen werden: Je häufiger man etwas kontrolliert, desto unsicherer wird man. Es ist also nicht überraschend, dass dir keine deiner (mentalen) Zwangshandlungen bisher langfristig geholfen hat.

Damit ist klar, dass für eine langfristige Genesung ein anderer, effektiverer Lösungsansatz gewählt werden muss. Expositionen mit Reaktionsverhinderung haben sich als Goldstandard bei der Therapie von Zwangsstörungen erwiesen: Sie unterbrechen den Teufelskreis, der dich in den Zwangshandlungen und im Grübeln gefangen hält. So lernst du beispielsweise durch Reaktionsverhinderung, auf Zweifel und Anspannung ohne Zwangshandlungen zu reagieren.

Verhinderst du deine Reaktionen (z. B. Neutralisierungen, Rückversicherungen) auf die Zweifel, entziehst du ihnen die Macht über dich und reduzierst damit auf Dauer die Dringlichkeit der Zwangsgedanken. Du lernst, Ungewissheit zu tolerieren. Und bist du fähig, mit Ungewissheit zu leben, bist du auch fähig, das Grübeln und die Zwangshandlungen aufzugeben. Langfristig führt das Unterlassen von Ritualen zu einer Reduktion der Zwangssymptomatik und damit zu einer geringeren Anspannung und einer höheren Lebensqualität.

Wirst du also wieder von Fragen rund um Psychosen und Schizophrenie geplagt, kannst du in Zukunft auf das Grübeln verzichten und dich in der Akzeptanz folgender Dinge üben:

  • Dass du Zwangsgedanken hast, auch wenn es keine eindeutige Erklärung gibt, wieso du gerade unter diesem Subtyp leidest.
  • Dass du mit Unsicherheit und Zweifeln leben musst, da es keine hundertprozentige Gewissheit geben kann.
  • Dass du vor deinen Gedanken niemals wegrennen können wirst und dir somit nur bleibt, damit zu leben.
  • Dass es möglich ist, mit diesen Gedanken zu leben, ohne dass sie dich in deiner Lebensqualität einschränken.
  • Dass du deine Ängste und Unsicherheiten überwinden kannst, indem du dich mit ihnen konfrontierst, anstatt ihnen mit Vermeidung / Neutralisierungen zu begegnen.
  • Dass dieser Prozess vermutlich viel Arbeit, Zeit und Übung kosten wird, aber schon viele andere Betroffene damit ihre Zwangsgedanken über Psychosen überwinden konnten.

Beispiele für Expositionen bei Zwangsgedanken über Psychose / Schizophrenie:

Mithilfe von gezielten Expositionen kannst du dich deinen Zweifeln, Zwangsgedanken, Ängsten und Befürchtungen stellen - und sie endlich überwinden. Sicher stellst du dir nun die Frage, wie gerade das dir helfen soll. Denn vermutlich hast du bisher alles darangesetzt, deinen Triggern so gut es geht auszuweichen.

Wir möchten dich jedoch auf ein kleines Gedankenexperiment einladen: Wie gut hat dir dein Vermeidungsverhalten bisher geholfen - und zu welchem Preis? Fühlst du dich durch deine Zwangsrituale und Vermeidungen heute sicherer - oder haben sie nicht eher dazu geführt, dass du deinen Geisteszustand nur immer mehr anzweifelst?

Betroffenen einer Zwangsstörung fällt es häufig nicht leicht, zu erkennen, dass ihr zwanghaftes Verhalten genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie sich eigentlich wünschen. Aber die Wissenschaft weiß heute eindeutig: Zwangsrituale und Vermeidungen führen zwar zu einer kurzfristigen Erleichterung, halten aber Zwangsstörungen aufrecht.

Wenn Vermeidungen nicht funktionieren, was funktioniert dann? Das Gegenteil: Die freiwillige Konfrontation mit Dingen, Situationen und Gedanken, die du bisher vermieden hast. Kurz gesagt trainierst du mithilfe von Expositionen dein emotionales Gehirn darauf, vor diesen Triggern langfristig weniger Angst zu haben.

Das Prinzip der Exposition wird nicht nur bei Phobien und Ängsten, sondern auch bei Zwangsstörungen sehr erfolgreich eingesetzt. Sie gelten als der Goldstandard für die Therapie von Zwangsstörungen und werden in der offiziellen Behandlungsleitlinie als Therapie der ersten Wahl empfohlen.

Genauso wie sich Zwangsgedanken und Zwangshandlungen von Person zu Person unterscheiden, müssen auch Expositionen individuell angepasst werden. Hier findest du einige Inspirationen, die als Expositionen bei Zwangsgedanken über Psychosen und Schizophrenie eingesetzt werden können:

  • Filme schauen oder Bücher lesen, die von schizophrenen Personen handeln (z. B. “A Beautiful Mind”).
  • Auf YouTube Simulationen von Schizophrenien oder Dokumentationen darüber anschauen.
  • Sogenannte “Skripte” schreiben, in denen du beschreibst, wie es ist, wenn deine größten Befürchtungen wahr werden und diese immer wieder durchlesen oder aufnehmen und anhören.
  • Zettel in deiner Wohnung verteilen, auf denen deine Befürchtungen stehen (z. B. “Ich habe eine Psychose”).
  • Artikel über schizophrene Personen lesen, ohne dich mit ihnen zu vergleichen und Parallelen zu suchen.
  • Gehe zu einem Psychiater oder einer Psychotherapeutin. Das ist einerseits eine Exposition und außerdem haben diese Fachleute Erfahrungen darin, wie man eine schizophrene Erkrankung erkennt bzw. wie diese von Zwängen unterschieden werden können. Bleib nicht allein mit deinen Zwangsgedanken. Gutes Fachpersonal kann dir helfen.

Wichtig ist auch hier: Die Therapieform heißt Exposition mit Reaktionsverhinderung. Zu einer erfolgreichen Exposition gehört also auch, alle problematischen Reaktionen (Zwangshandlungen, Vermeidungen, Grübeleien) zu unterlassen. Erst dadurch machst du die vollständige Erfahrung, dass du Anspannung aushalten kannst, ohne sie unbedingt neutralisieren zu müssen. Stück für Stück befreist du dich somit aus den Klauen des Zwangs und bewegst dich zurück in ein freies und selbstbestimmtes Leben.

Hilfe bei Zwangsgedanken über Psychose / Schizophrenie

Auf OCD Land findest du viele weitere nützliche Inhalte, die dich dabei unterstützen, deinen Zwang zu überwinden:

Weitere Informationen rund um das Thema Zwangsstörungen und wie du sie überwindest findest du auch im Buch Zwänge bewältigen - Ein Mutmachbuch* von Burkhard Ciupka-Schön und Zwangsstörungen verstehen und bewältigen* von Susanne Fricke. Beide sind Co-Autoren dieses Artikels.

Leider kommt es nicht selten noch vor, dass unerfahrene Psychiater und Psychologen bei Zwängen, die nicht den bekannten Stereotypen wie Waschzwang und Kontrollzwang entsprechen und bei denen die Entschlüsselung der Zwangssymptomatik schwerfällt, mit der Diagnose „Psychose/Schizophrenie“ falsch liegen. Dies finden wir vor allem bei den selteneren oder den weniger bekannten Formen des Zwanges wie der Hyperbewusstheits-Zwangsstörung, existenziellen oder religiösen Zwängen oder bei den vielen anderen Zwängen, die ausschließlich aus Zwangsgedanken und nicht-sichtbaren mentalen Zwangshandlungen bestehen. In diesen Fällen ist es sehr empfehlenswert, Fachleute aufzusuchen, die sich sowohl mit Zwängen als auch mit Psychosen gut auskennen.

Da es nicht leicht ist, einen Spezialisten für Zwangsstörungen zu finden, geben wir dir in diesem Artikel konkrete Tipps. Unser Rat: Wenn du allein nicht weiterkommst - bleib nicht allein mit deinem Problem. Suche den Kontakt zu kompetenten Behandlungspartnern.

Über die Autoren
Sarina Kühne

Sarina ist eine ehemalige Betroffene einer Zwangsstörung und setzt sich engagiert für die Aufklärung über Zwangserkrankungen ein. Unter anderem hat sie auf OCD Land einen Betroffenenbericht geschrieben und war zu Gast im Zwanglos-Podcast. Als Social Media Support erstellt Sarina für den von OCD Land informative und anschauliche Beiträge.

Burkhard Ciupka-Schön

Burkhard Ciupka-Schön ist Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen und war von 1995 bis Ende 2000 deren Geschäftsführer. Er ist psychologischer Psychotherapeut und Ambulanzleiter in eigener Praxis. Als Dozent und Supervisor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf bildet er angehende Psychotherapeuten aus. Sein Therapie- und Lehrfokus sind Zwangserkrankungen. Burkhard Ciupka-Schön ist Autor des Buches Zwänge bewältigen - Ein Mutmachbuch*.

PD Dr. Susanne Fricke

PD Dr. Susanne Fricke ist psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis und in der Aus- und Weiterbildung als Dozentin und Supervisorin tätig. Vor ihrer Niederlassung hat sie als leitende Psychologin in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf gearbeitet (Schwerpunkt: Angst- und Zwangsstörungen). Sie ist Autorin und Mitautorin vieler Fach- und Selbsthilfebücher, z.B. Zwangsstörungen verstehen und bewältigen*.

Martin Niebuhr

Martin hat OCD Land gegründet, damit sich Betroffene einer Zwangsstörung endlich auch im Internet über effektive und wissenschaftlich fundierte Behandlungsverfahren informieren und auszutauschen können. Er ist Entwickler der OCD Land-App, Host des Zwanglos-Podcasts, Autor auf dem OCD Land-Blog und Moderator des Community-Forums.