Existenzielle Zwangsgedanken: Ein Ratgeber für Betroffene

Von Sarina Kühne, Burkhard Ciupka-Schön und Martin Niebuhr


Plagen dich ununterbrochen philosophische Fragen über die Existenz und den Sinn des Lebens? Versuchst du, dir diese Fragen durch stundenlanges Grübeln und Analysieren zu beantworten - drehst dich jedoch ständig nur im Kreis? Falls du dich darin wiedererkennst, könntest du unter existenziellen Zwangsgedanken leiden. Mithilfe von wissenschaftlich nachgewiesenen Strategien ist auch diese spezielle Form der Zwangsstörungen gut therapierbar.

Es gibt wohl kaum eine Person, die sich noch nie über Fragen wie “Was ist überhaupt der Sinn des Lebens?” den Kopf zerbrochen hat. Filme wie “Matrix” oder “Inception” ziehen uns in ihren Bann, weil sie alle Zuschauer (auch die sogenannten Gesunden) die eigene Wahrnehmung an der Realität anzweifeln lassen.

Früher oder später wird auch jeder unvermeidlich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert, macht sich vielleicht Gedanken über ein Leben nach dem Tod oder sinniert über das Konzept von Himmel und Hölle. Doch was ist, wenn diese gewöhnlichen Fragen anfangen, große Ängste und emotionale Belastung in dir auszulösen?

Während diese Fragen wohl jeden beschäftigen können, nehmen sie lediglich bei Zwangserkrankten ein überwältigendes Ausmaß an: Bist du von existenziellen Zwangsgedanken betroffen, ist es dir schlichtweg nicht möglich, diese Fragen einfach unbeantwortet stehenzulassen (was eigentlich besser für dich wäre - aber dazu später mehr). Du verbringst täglich Stunden damit, dieselben Fragen und Gedanken in deinem Kopf immer wieder durchzugehen und suchst verzweifelt in philosophischen Schriften oder wissenschaftlichen Ausführungen nach Antworten. Du hast das dringliche Gefühl, dass deine Fragen und Zweifel rund um die Existenz, den Lebenssinn, das Universum und die Realität mit eindeutigen und unbezweifelbaren Erklärungen beantwortet werden müssen.

Diese aufdringlichen und wiederkehrenden Gedanken kennzeichnen eine Zwangsstörung - die vierthäufigste psychische Erkrankung. Dieser Artikel soll dir helfen zu verstehen, was existenzielle Zwangsgedanken ausmachen, wieso es dir so schwerfällt, sie loszulassen und mit welchen wissenschaftlich nachgewiesenen Strategien du sie nachhaltig überwinden kannst.

Dieser Artikel wurde mitverfasst von Burkhard Ciupka-Schön und Sarina Kühne. Burkhard Ciupka-Schön ist Verhaltenstherapeut, Spezialist für Zwangsstörungen und Autor von Zwänge bewältigen - Ein Mutmachbuch*. Sarina ist eine ehemalige Betroffene einer Zwangsstörung und hatte zeitweise auch mit existenziellen Zwangsgedanken zu kämpfen. Heute setzt sie sich für die Aufklärung über Zwangserkrankungen ein. Unsere Botschaft an dich: Existenzielle Zwangsgedanken können mit den richtigen Strategien erfolgreich überwunden werden.

Was sind existenzielle Zwangsgedanken?

Existenzielle Zwangsgedanken sind ein Subtyp der Zwangserkrankungen, bei dem der Betroffene von immer wiederkehrenden Zweifeln und Fragen existenzieller Natur geplagt wird, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt. Diese existenziellen Zwangsgedanken drehen sich in der Regel um den Sinn und Zweck des Lebens, die Interpretation der Realität und die Existenz des Universums. Inhaltlich haben existentielle Zwänge große Ähnlichkeit mit religiösen Zwängen, wobei die religiösen Zwänge noch zusätzlich das Thema „Gott“ aufgreifen. Fragen der Religion und der Existenz haben die Menschheit schon seit Urzeiten beschäftigt, jedoch lösen sie nur bei Zwangserkrankten durch ihre Penetranz ein geradezu unerträgliches Maß an Ängsten, Stress und Niedergeschlagenheit aus.

Beispiele für existenzielle Zwangsgedanken

Der Inhalt von existenziellen Zwangsgedanken ist nur vom Wissensstand und der Vorstellungskraft des Betroffenen begrenzt. Sie können teilweise so absurd werden, dass du befürchtest, vollkommen verrückt zu werden. Einige Beispiele sind:

  • “Was wäre, wenn wir in einer Simulation leben würden und nichts um mich herum tatsächlich real ist?”
  • “Was ist der Sinn des Lebens? Woher soll ich wissen, ob es überhaupt einen Sinn gibt?”
  • “Was wäre, wenn wir alle nur ein Unfall sind, unser Leben überhaupt keinen Sinn ergibt und überhaupt nichts nach dem Tod passiert? Was genau ist der Tod überhaupt?"
  • “Ist es überhaupt wichtig, was ich mache, wenn sowieso nichts real ist?”
  • “Bin ich wirklich nur eine Person, und wenn nein, wie viele bin ich?”
  • “Wieso haben wir Organe und Körperteile und wieso sind wir in genau dieser menschlichen Form geschaffen?”
  • “Habe ich überhaupt einen freien Willen und wenn nein, wovon werde ich gesteuert?”
  • “Was wäre, wenn ich in einem Komatraum bin und alles um mich herum nicht echt ist?”
  • “Woher soll ich wissen, ob ich auf dem richtigen Weg bin? Gibt es so etwas wie richtig oder falsch überhaupt?”

Typische Befürchtungen hinter existenziellen Zwangsgedanken

Existenzielle Zwangsgedanken erscheinen als lösen sie große Anspannungen und Ängste in dir aus, da sich hinter ihnen meist vermeintlich konkrete Befürchtungen verbergen. In Wirklichkeit sind die Befürchtungen aber höchst abstrakt und unwirklich - erst die durch sie ausgelöste Anspannung lässt die Befürchtungen konkret und wirklich erscheinen.

Zu den typischen Befürchtungen hinter existenziellen Zwangsgedanken gehören:

  • Die Befürchtung, dass du keine Ruhe finden kannst, bis du eindeutige Antworten hast.
  • Die Befürchtung, dass deine Gedanken niemals aufhören werden.
  • Die Befürchtung, dass du “verrückt” werden könntest.

Ist deine Anspannung ein guter Ratgeber? Ist sie also ein Beweis dafür, dass es sich bei deinen Befürchtungen um eine reale Bedrohung handelt? Das Gegenteil ist der Fall: Die Anspannung ist keine Folge einer vermeintlich realen Bedrohung. Vielmehr werden existentielle Zwänge von höchst abstrakten Vorstellungen begleitet (z.B. verrückt werden, Existenz nach dem Tod, Existenz von Parallelwelten). Diese hast du gar nicht persönlich erlebt haben, sondern entspringen allein deiner Vorstellung.

Schau dich um: Gerade in diesem Moment bist du nicht verrückt geworden, du hast keine Existenz nach dem Tod kennengelernt, du bist in keiner Parallelwelt gewesen und auch nicht aus dieser zurückgekehrt. Jeder von uns kann sich diese Dinge vorstellen, wir kennen sie aus der Religion oder aus Science-Fiction.

Aber jetzt kommt der Knackpunkt: Auf Menschen mit einer Zwangsstörung wirken diese Vorstellungen bedrohlich, weil ihnen eine schlimme Anspannung vorrausgeht. Dieser Vorgang findet vollautomatisch im emotionalen Teil deines Gehirns statt. Dass du dich fühlst als würdest du bei vollem Verstand verrückt werden, ist im Rahmen einer Zwangsstörung „normal“ - aber es ist kein Beweis dafür, dass von deinen Vorstellungen eine reale Bedrohung ausgeht.

Wie bei anderen Zwängen spielt auch hier die Angst vor Ungewissheit eine zentrale Rolle: Du versuchst, auf deine Fragen und Zweifel eindeutige Antworten zu finden, um deine Angst und Anspannung auflösen zu können. Um endlich Antworten auf deine Fragen zu finden, greifst du auf verschiedene problematische Bewältigungsstrategien - sogenannte Zwangshandlungen bzw. Neutralisierungen - zurück.

Beispiele für Zwangshandlungen bei existenziellen Zwangsgedanken

Mit Zwangshandlungen (Neutralisierungen / Rituale / Rückversicherungen / Vermeidungen) versuchst du, deine Befürchtungen um jeden Preis zu verhindern und deine Anspannung loszuwerden. Zwangshandlungen gaukeln dir zwar vor, deine Befürchtungen kontrollieren zu können, tun es in Wahrheit aber nur kurzfristig. Langfristig führen sie dazu, dass du immer mehr im Zwang gefangen bleibst. Typische Zwangshandlungen bei existenziellen Zwangsgedanken sind:

  • Du holst dir Rückversicherung bei anderen, dass du tatsächlich existierst oder auf dem richtigen Weg bist.
  • Du grübelst stundenlang über deine Gedanken nach, um Antworten zu finden.
  • Du verbringst viel Zeit damit, philosophische, religiöse und wissenschaftliche Texte zu lesen, um dort eine vermeintliche Antwort zu finden.
  • Du gehst vergangene Ereignisse in deinem Kopf durch, um Beweise für oder gegen einen Zwangsgedanken zu finden.
  • Du versuchst Beweise für die physische Existenz zu finden, indem du dich beispielsweise kneifst oder im Spiegel nach deiner Reflexion schaust.

Helfen Zwangshandlungen dabei, dir Gewissheit zu verschaffen und deine Anspannung loszuwerden? Darauf haben wir eine klare Antwort: Der Zwang hält nicht, was er verspricht, sondern verursacht meistens sogar das genaue Gegenteil. Neutralisierungen und (mentale) Rituale beruhigen nur sehr kurzfristig, aber steigern die Anspannung immer weiter. Zwangshandlungen sind also kein Schutz vor dem Verrücktwerden - sie lassen dich fühlen als wärst du verrückt.

Exkurs: Existenzielle Zwangsgedanken und Depersonalisation / Derealisation

Scham, Schuld, Ekel, Angst und Unvollständigkeit sind Formen negativer Anspannung, die wir bei vielen Zwängen antreffen. Die besondere Form negativer Anspannung, die wir bei existentiellen Zwängen häufiger finden, ist die Depersonalisation und Derealisation (DP/DR). Dabei handelt es sich um Störungssymptome, die allein oder aber auch bei einer Reihe anderer Störungen auftreten können - beispielsweise bei extremem Stress, bei Panikstörungen (ICD-10 F41.0), beim Depersonalisations- und Derealisationssyndrom (ICD-10 F48.1), bei der Posttraumatischen Belastungsstörungen (ICD-10 F43.1) oder bei den hier vorgestellten existenziellen Zwangsgedanken. Um Verwechslungen vorzubeugen hier eine Definition:

Die Derealisation beschreibt einen Zustand, in dem der Betroffene sich seiner Umwelt gegenüber entfremdet fühlt. Die Umwelt kommt dem Betroffenen, während er weiterhin eine realistische und detailgetreue Wahrnehmung von ihr hat, plötzlich unvertraut, befremdlich und unreal vor. Menschen oder Objekte werden als unwirklich, roboterhaft, künstlich oder fremd wahrgenommen. Die Depersonalisation führt bei dem Betroffenen zu einem Zustand der Selbstentfremdung. Das heißt, der Betroffene erlebt sich selbst als fremdartig oder unwirklich und die eigenen Gefühle werden als fern, fremd und nicht zur eigenen Identität gehörend gewertet.

Während DP/DR durchaus parallel zu existenziellen Zwangsgedanken auftreten kann und große Ähnlichkeiten zu ihnen aufweist, handelt es sich um verschiedene Störungen. Der Unterschied zwischen den beiden liegt im Wesentlichen darin, dass es bei existenziellen Zwangsgedanken mehr um die Zweifel und Unsicherheiten, als um das Gefühl von Realitätsverlust und Entfremdung selbst geht. DP/DR ist also aufgrund der beängstigenden, entfremdeten Wahrnehmung von sich selbst und der Umwelt belastend. Im Kontrast dazu führen bei den existenziellen Zwangsgedanken eher die Zweifel und die Ungewissheit beim Betroffenen zu einer großen Anspannung.

Häufig sehen Betroffene, bei denen die beiden Krankheitsbilder gleichzeitig auftreten, die DP/DR-Erfahrung als eine Art Beweis, dass deren Zwangsgedanken wahr sind. So könnten sie das Entfremdungsgefühl gegenüber sich selbst und der Umwelt beispielsweise als Indiz dafür deuten, wirklich in einer Simulation zu leben.

Therapie bei existenziellen Zwangsgedanken

Die Therapie der ersten Wahl für alle Subtypen der Zwangsstörungen ist die kognitive Verhaltenstherapie einschließlich Expositionen und Reaktionsmanagement.

Bei dieser effektiven Form der Psychotherapie lernst du, dich Schritt für Schritt angstauslösenden Situationen und Gedanken zu stellen (Exposition) ohne zu versuchen, die ausgelöste Anspannung mithilfe von problematischen Bewältigungsstrategien wie Zwangshandlungen, Grübeleien Vermeidungen oder Rückversicherungen zu verringern (Reaktionsmanagement).

Die verhaltenstherapeutische Grundidee ist bei existenziellen Zwängen also die gleiche, wie bei anderen Zwängen auch: Es gilt, sich den Teufelskreis aus Zwangsgedanken, zwanghafter Anspannung und Zwangshandlungen bewusst zu machen und diesen insbesondere an der Stelle der mentalen Zwangshandlungen (diese sind sehr typisch für existenzielle Zwänge) zu unterbrechen.

Mithilfe von Expositionen machst du die Erfahrung, dass du zwangsauslösende Situationen und Gedanken aushalten kannst und deine Anspannung sogar nachlässt, wenn du nichts dagegen unternimmst. Dadurch, dass du dir Schritt für Schritt beibringst, auf deine Anspannung auf eine neue Art zu reagieren, geht deine Zwangssymptomatik zurück und die Anspannung lässt langfristig nach.

Auch wenn die Therapie mit Expositionen als anstrengend gilt, so ist sie für Betroffene doch sehr lohnend: Zwangsstörungen zählen heute zu den psychischen Störungen mit den besten Therapieaussichten.

Akzeptanz als Schlüsselelement zur Genesung von existenziellen Zwangsgedanken

Thematisch dreht sich der Zwang immer um Themen, die einem Betroffenen besonders wichtig sind. So wie sich bei anderen Betroffenen der Zwang um Themen wie Sauberkeit, Beziehungen, Ordnung oder Sexualität dreht, sind es bei dir existenzielle Themen. Gemeinsam haben aber fast alle Zwänge die Suche nach hundertprozentiger Gewissheit. Und zur Überwindung ihrer Zwänge müssen Betroffene erkennen, dass die Suche nach dieser Gewissheit nicht nur unerreichbar ist, sondern ihre Zwangsstörung langfristig aufrechterhält und diese sogar verstärkt.

Die vermutlich größte Herausforderung bei existenziellen Zwangsgedanken ist daher die Akzeptanz. Durch unser bloßes Dasein sind wir Menschen jede Sekunde mit unserer Existenz, der Realität und allem, was dazugehört, konfrontiert. Existenzielle Thematiken können in wohl unbegrenzter Form von allen Seiten beleuchtet werden - nicht umsonst gibt es seit jeher Philosophen, die ihr ganzes Leben damit verbracht haben, aus der Existenz schlau zu werden. Am Ende ist es aber noch keinem Menschen gelungen, existenzielle Fragen eindeutig beantworten zu können, und es wird sicherlich auch nie jemandem gelingen, da es auf diese Fragen nun mal keine finalen Antworten gibt.

Der erste Schritt der Genesung beginnt daher mit der Akzeptanz, dass alle bisherigen Versuche, endlich vollständige Gewissheit und Ruhe von deinen existenziellen Zweifeln zu haben, zum Scheitern verurteilt sind. Diese Akzeptanz bedeutet nicht, dass du dich für immer mit qualvoller Anspannung, belastenden Zweifeln und ständigen Grübelketten abfinden musst - im Gegenteil. Authentische Akzeptanz bewirkt ein Loslassen von Gedanken, wodurch du dich weniger zum Grübeln und Analysieren gezwungen fühlst.

Akzeptanz bedeutet auch nicht, dass du deine Gedanken und deinen angespannten Zustand mögen musst. Sie bedeutet lediglich, dass du den Kampf dagegen aufgibst. Lässt du los, gibst du den Zwangsgedanken die Möglichkeit, auch dich loszulassen. Akzeptanz ermöglicht auch keine Wunderheilung über Nacht. Sie ist keine einmalige Handlung, sondern ein immer fortlaufender, teils anspruchsvoller Prozess. Zusammen mit den folgenden Techniken und Strategien kann die Akzeptanz aber ein wichtiger Baustein für deine Genesungsreise zurück in ein freies und selbstbestimmtes Leben sein.

Grübeln und Zwangshandlungen verstärken deinen Zwang

Was alle Betroffenen von Zwangsstörungen lernen müssen, ist, dass Zwangshandlungen und Grübeln keine langfristigen Lösungen sind, sondern die Hauptursache für die Aufrechterhaltung ihrer Zwangsstörung. Mit Zwangshandlungen versuchst du, dir hundertprozentige Gewissheit zu verschaffen - wirst diese jedoch nie erlangen. Stattdessen werden sie genau das Gegenteil vom erhofften Effekt bewirken: Deine Ungewissheit wird noch größer und wird sich noch dringlicher anfühlen. Dieser Effekt konnte auch in Studien nachgewiesen werden: Je häufiger man etwas kontrolliert, desto unsicherer wird man. Es ist also nicht überraschend, dass dir keine deiner Zwangshandlungen bisher langfristig geholfen hat.

Damit ist klar, dass für eine langfristige Genesung ein anderer, effektiverer Lösungsansatz gewählt werden muss. Expositionen mit Reaktionsverhinderung haben sich als Goldstandard bei der Therapie von Zwangsstörungen erwiesen: Sie unterbrechen den Teufelskreis, der dich in den Zwangshandlungen und im Grübeln gefangen hält. So lernst du beispielsweise durch Reaktionsverhinderung, auf Zweifel und unbeantwortete Fragen ohne mit Zwangshandlungen zu reagieren.

Verhinderst du deine Reaktionen (z. B. Neutralisierungen, Rückversicherungen) auf die Zweifel, entziehst du ihnen die Macht über dich und reduzierst damit auf Dauer die Dringlichkeit der Zwangsgedanken. Du lernst, Ungewissheit zu tolerieren. Und bist du fähig, mit Ungewissheit zu leben, bist du auch fähig, das Grübeln und die Zwangshandlungen aufzugeben. Langfristig führt das Unterlassen von Ritualen zu einer Reduktion der Zwangssymptomatik und damit zu einer geringeren Anspannung und einer höheren Lebensqualität.

Wirst du also wieder von Fragen rund um die Matrix oder den Tod geplagt, kannst du in Zukunft auf das Grübeln verzichten und dich in der Akzeptanz folgender Dinge üben:

  • Dass du Zwangsgedanken hast, und es keine eindeutige Erklärung gibt, wieso du gerade unter diesem Subtyp leidest.
  • Dass du auf deine Fragen und Zweifel mit höchster Wahrscheinlichkeit niemals richtige Antworten finden wirst.
  • Dass du mit Unsicherheit und Zweifeln leben musst, da es keine hundertprozentige Gewissheit geben kann.
  • Dass du vor deinen Gedanken niemals wegrennen können wirst und dir somit nur bleibt, damit zu leben.
  • Dass es möglich ist, mit diesen Gedanken zu leben, ohne dass sie dich in deiner Lebensqualität einschränken.
  • Dass du deine Ängste und Unsicherheiten überwinden kannst, indem du dich mit ihnen konfrontierst, anstatt ihnen mit Vermeidung / Neutralisierungen zu begegnen.
  • Dass dieser Prozess vermutlich viel Arbeit, Zeit und Übung kosten wird, aber schon viele andere Betroffene damit ihre existenziellen Zwänge überwinden konnten.

Beispiele für Expositionen bei existenziellen Zwangsgedanken

Mithilfe von gezielten Expositionen kannst du dich deinen Zweifeln, Zwangsgedanken, Ängsten und Befürchtungen stellen - und sie endlich überwinden. Sicher stellst du dir nun die Frage, wie gerade das dir helfen soll. Denn vermutlich hast du bisher alles darangesetzt, deinen Triggern so gut es geht auszuweichen.

Wir möchten dich jedoch auf ein kleines Gedankenexperiment einladen: Wie gut hat dir dein Vermeidungsverhalten bisher geholfen - und zu welchem Preis? Fühlst du dich durch deine Zwangsrituale und Vermeidungen heute sicherer - oder haben sie nicht eher dazu geführt, dass du dich von dir selbst und deiner Umwelt noch weiter entfremdet hast?

Betroffenen einer Zwangsstörung fällt es häufig nicht leicht, zu erkennen, dass ihr zwanghaftes Verhalten genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie sich eigentlich wünschen. Aber die Wissenschaft weiß heute eindeutig: Zwangsrituale und Vermeidungen führen zwar zu einer kurzfristigen Erleichterung, halten aber Zwangsstörungen aufrecht.

Wenn Vermeidungen nicht funktionieren, was funktioniert dann? Das Gegenteil: Die freiwillige Konfrontation mit Dingen, Situationen und Gedanken, die du bisher vermieden hast. Kurz gesagt trainierst du mithilfe von Expositionen dein emotionales Gehirn darauf, vor diesen Triggern langfristig weniger Angst zu haben.

Das Prinzip der Exposition wird nicht nur bei Phobien und Ängsten, sondern auch bei Zwangsstörungen sehr erfolgreich eingesetzt. Sie gelten als der Goldstandard für die Therapie von Zwangsstörungen und werden in der offiziellen Behandlungsleitlinie als Therapie der ersten Wahl empfohlen.

Genauso wie sich Zwangsgedanken und Zwangshandlungen von Person zu Person unterscheiden, müssen auch Expositionen individuell angepasst werden. Hier findest du einige Inspirationen, die als Expositionen bei existenziellen Zwangsgedanken eingesetzt werden können:

  • Filme schauen oder Bücher lesen, die existenzielle Zwangsgedanken oder Anspannung in dir auslösen (z.B. Inception, Matrix oder Truman Show).
  • Artikel lesen, die Inhalte von Zwangsgedanken, die du fürchtest, aufgreifen.
  • Nimm die Gedanken, die dir am meisten Angst machen, auf und höre sie wiederholt an.
  • Schau dir weitere Inhalte über unerklärliche Phänomene oder existenzielle Fragestellungen an, ohne nach einer Antwort zu suchen.
  • Gehe an Orte, die deine Zwangsgedanken besonders intensiv auslösen.
  • Verteilte kleine Zettel in deinem Haus, die mit von dir gefürchteten Zwangsgedanken beschriftet sind (z.B. “Nichts ist echt”). Mache die oben beschriebenen Dinge so lange, bis sie langweilig geworden sind. Übung macht den Meister!

Hilfe bei existenziellen Zwangsgedanken

Auf OCD Land findest du viele weitere nützliche Inhalte, die dich dabei unterstützen, deinen Zwang zu überwinden:

Weitere Informationen rund um das Thema Zwangsstörungen und wie du sie überwindest findest du auch in den Büchern Zwänge bewältigen - Ein Mutmachbuch* und Himmel und Hölle – Religiöse Zwänge erkennen und bewältigen!* von Burkhard Ciupka-Schön, dem Co-Autoren dieses Blog-Artikels.

Wenn du dich mit deinen existenziellen Zwangsgedanken überfordert fühlst und Selbsthilfe nicht mehr ausreicht, möchten wir dir außerdem dringend empfehlen, einen auf Zwangsstörungen spezialisierten Psychotherapeuten aufzusuchen. Auch sollte die Festlegung, ob eine Depersonalisation / Derealisation eine kurzfristige, flüchtige Reaktion auf Stress ist oder ob sie zu einer der beschriebenen anderen Störungen Zwang, Panik oder Trauma gehört, mit kompetenten Fachpersonen besprochen werden. Da es nicht leicht ist, einen solchen Spezialisten zu finden, geben wir dir in diesem Artikel konkrete Tipps.

Über die Autoren
Sarina Kühne

Sarina ist eine ehemalige Betroffene einer Zwangsstörung und setzt sich engagiert für die Aufklärung über Zwangserkrankungen ein. Unter anderem hat sie auf OCD Land einen Betroffenenbericht geschrieben und war zu Gast im Zwanglos-Podcast. Als Social Media Support erstellt Sarina für den von OCD Land informative und anschauliche Beiträge.

Burkhard Ciupka-Schön

Burkhard Ciupka-Schön ist Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen und war von 1995 bis Ende 2000 deren Geschäftsführer. Er ist psychologischer Psychotherapeut und Ambulanzleiter in eigener Praxis. Als Dozent und Supervisor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf bildet er angehende Psychotherapeuten aus. Sein Therapie- und Lehrfokus sind Zwangserkrankungen. Burkhard Ciupka-Schön ist Autor des Buches Zwänge bewältigen - Ein Mutmachbuch*.

Martin Niebuhr

Martin hat OCD Land gegründet, damit sich Betroffene einer Zwangsstörung endlich auch im Internet über effektive und wissenschaftlich fundierte Behandlungsverfahren informieren und auszutauschen können. Er ist Entwickler der OCD Land-App, Host des Zwanglos-Podcasts, Autor auf dem OCD Land-Blog und Moderator des Community-Forums.