Bei Zwangsstörungen den geeigneten Therapeuten finden



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Bist du auf der Suche nach einem Therapeuten für deine Zwangsstörung? Dann solltest du unbedingt darauf achten, einen erfahrenen Spezialisten zu finden. In diesem Artikel zeigen wir dir, worauf es bei der Therapeutensuche ankommt.

Wenn du auf der Suche nach einem geeigneten Psychotherapeuten bist, gehen dir sicher viele Fragen durch den Kopf: „Welche Art von Therapie sollte ich aufsuchen - Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie oder sogar Hypnose-Coaching durch einen Heilpraktiker? Wird mich der Therapeut auslachen oder mich vielleicht in die geschlossene Anstalt oder gar ins Gefängnis schicken, wenn ich ihm von meinen Zwangsgedanken erzähle? Ist mein zukünftiger Therapeut überhaupt in der Lage, meine Zwänge zu behandeln?"

Aufgrund dieser Fragen und Zweifel schieben viele Betroffene den Start ihrer Therapie immer weiter in die Zukunft - oder beginnen erst gar nicht mit der Suche danach. Wir wollen dich in diesem Artikel aber ermutigen, Hilfe zu suchen. Denn unbehandelt verlaufen Zwänge in der Regel chronisch. Sie verschwinden leider nicht von allein und werden mit der Zeit meistens schlimmer. Gleichzeitig ist es nicht ganz leicht, die richtige Hilfe zu bekommen. In diesem Artikel zeigen wir dir aber, wie du es schaffen kannst.

Der Goldstandard für die Behandlung von Zwängen: Kognitive Verhaltenstherapie mit Expositionen

Zwänge gelten als die Die Krankheit des Zweifelns* - und vermutlich hast du große Bedenken und Zweifel, welches psychotherapeutische Verfahren dir überhaupt helfen kann. Glücklicherweise sind Zweifel bei der Wahl der Strategien bei Zwängen komplett unangebracht. Denn es gibt nur zwei Therapieformen, die nachgewiesen bei Zwängen helfen: die kognitive Verhaltenstherapie (einschließlich Exposition und Reaktionsmanagement) und die medikamentöse Therapie. Beide Therapieformen sind durch eine Vielzahl an Studien in ihrer Wirksamkeit wissenschaftlich belegt und werden von allen anerkannten Spezialisten und Organisationen (DGZ , SGZ) sowie in der offiziellen S3-Leitlinie Zwangsstörungen als einzige Therapieformen empfohlen. Die medikamentöse Therapie an sich ist aber nicht Therapie der ersten Wahl und sollte im Allgemeinen nicht alleinig (also ohne kognitive Verhaltenstherapie) eingesetzt werden.

Die kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition und Reaktionsmanagement gilt dabei als der Goldstandard und als Therapieform der ersten Wahl. Dieser Artikel befasst sich damit, wie du einen geeigneten Therapeuten findest, der mit dir genau diese Therapie durchführt. Da Therapeuten keine Medikamente verschreiben dürfen (solange sie keine Ärzte sind), gehen wir in diesem Artikel nicht auf die medikamentöse Therapie ein. Mehr Informationen zur medikamentösen Therapie bei Zwängen und wie du den richtigen Arzt/Psychiater findest, findest du in diesem Artikel.

Viele Betroffene haben den insgeheimen Wunsch, man müsse nur in einer tiefenpsychologischen Gesprächstherapie die Ursache der Zwänge verstehen oder in einer Hypnose den „Stachel entfernen" und man wäre nachhaltig von seinen Zwängen befreit. Wir selbst wünschten uns, es gäbe eine angenehmere Therapie für Zwänge als sich in Expositionsübungen seinen unangenehmen Gefühlen ohne Vermeidungsverhalten stellen zu müssen. Für die eigene Genesung ist es aber wichtig zu erkennen, dass kein anderes psychotherapeutisches Therapieverfahren bei Zwängen nachgewiesen Besserung bringt und du dich im Sinne deiner Genesung auf die kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition und Reaktionsmanagement fokussieren solltest.

Gleichzeitig können wir sehr froh darüber sein, dass - im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen - die Bandbreite an Möglichkeiten sehr beschränkt ist. Somit können wir uns mit voller Entschlossenheit auf das fokussieren, was bereits vielen anderen Betroffenen geholfen hat. Auf unserem Blog wirst du daher viele Informationen zur kognitiven Verhaltenstherapie bei Zwängen und die sie ergänzenden Verfahren (z.B. Akzeptanz- und Commitment-Therapie, ACT) finden, aber nichts über andere Therapieformen. Natürlich kannst du auch andere Therapieverfahren oder Strategien ausprobieren, aber zumindest wollen wir dich darauf hinweisen, dass diese nicht den Leitlinienempfehlungen entsprechen und ihre Wirksamkeit nicht belegt ist.

Warum man bei vielen Therapeuten keine Hilfe findet

Wenn du nun davon ausgehst, dass du bei jedem Therapeuten eine Therapie nach Leitlinie bekommst, dann liegst du leider falsch. Betroffene von Zwangsstörungen und deren Angehörige haben es sehr schwer, die richtige Hilfe zu bekommen: Nur zwei Drittel der Betroffenen suchen überhaupt nach professioneller Hilfe, 70% werden fehldiagnostiziert und weit unter 50% bekommen eine Therapie nach Leitlinie. Zwangspatienten, die nicht nach Leitlinie behandelt werden, befinden sich oft jahrelang in einer Psychotherapie, die ihnen nicht hilft, und die ihnen somit fälschlicherweise den Eindruck vermittelt, ihr Zwang wäre unheilbar und sie hoffnungslos verloren. Dabei gibt es mit der richtigen Therapie und bei guter Ausdauer und Motivation des Betroffenen auch bei seit vielen Jahren bestehenden Zwängen gute Erfolgsaussichten auf eine Besserung! Wie Willi Ecker in seinem motivierenden Buch Die Krankheit des Zweifelns* beschreibt: „Glauben Sie niemandem, der Ihnen erzählt, Sie müssten mit Ihren Zwangsproblemen leben!".

Es gibt verschiedene Gründe und Mutmaßungen, warum die Behandlungssituation für Betroffene von Zwangserkrankungen so ist, wie sie ist. Zum einen neigen ambulante Therapeuten nicht dazu, sich auf eine bestimmte psychische Erkrankung zu konzentrieren. Damit sind sie in der Regel keine Spezialisten für Zwänge. Spezielles Fachwissen ist für die Behandlung von Zwangsstörungen aber unabdingbar. Viele unerfahrene Therapeuten fallen den Tücken des Zwangs zum Opfer: Sie geben ständig Rückversicherungen und führen - oft ohne es zu merken - mit ihren Klienten mentale Zwangsrituale aus (vor allem in der Gesprächstherapie) oder sie unterstützen deren Vermeidungsverhalten. Beides verstärkt langfristig den Zwang.

Weiterhin führt eine Vielzahl an Therapeuten nicht die von den Leitlinien empfohlenen Expositionen aus - obwohl sie ein ausschlaggebender Faktor für eine nachhaltige Besserung der Zwänge sind. Ein Grund dafür ist, dass Expositionen von Therapeuten als organisatorisch sehr mühsam und unbegründeterweise als finanziell unrentabel empfunden werden. Im Allgemeinen sind dafür außerhalb der Praxisräume mehrstündige Hausbesuche (insbesondere bei Wasch- und Kontrollzwängen) oder Übungen in Alltagssituationen des Klienten notwendig. Oft finden Therapeuten für ihre Klienten auch keine passende Expositionsübung: Ohne das notwendige Spezialwissen haben Therapeuten insbesondere bei Betroffenen mit rein mentalen Zwängen Schwierigkeiten. Schließlich haben manche Therapeuten auch Bedenken, dass Expositionen wegen des Stresses unethisch seien und zu Komplikationen führen, für den Klienten oder Therapeuten gefährlich seien (z.B. bei aggressiven Zwangsgedanken) oder durch das Betreten der Wohnung des Klienten gar unmoralisch sein könnten. All diese Bedenken sind aber unbegründet.

Auch die mangelnde Qualitätskontrolle von ambulanten Therapeuten stellt ein Problem dar: Therapeuten agieren in der Regel als Selbstständige in eigener Praxis. Die Behandlung von Patienten wird von den Krankenkassen ohne große Begutachtung abgesegnet und bezahlt. Was in den Therapieräumen passiert, gelangt aber in der Regel nicht nach außen: Niemand überprüft, ob ein Patient eine ihm angemessene oder von den Leitlinien empfohlene Behandlung bekommt.

Nicht zuletzt sind für die meisten nicht spezialisierten Therapeuten Zwangserkrankungen schwer nachvollziehbar - im Gegensatz zu Ängsten, Süchten und Depressionen, die fast jeder in seinen Grundzügen nachvollziehen kann. Betroffene von Zwangserkrankungen haben außerdem den Ruf, anstrengend und schwierig zu sein. Es hält sich unbegründet die Vorstellung, die Behandlung wäre mühsam und wenig erfolgsversprechend - was vor allem auch daran liegt, dass viele Therapeuten keine Behandlung nach Leitlinie durchführen. Im Umkehrschluss führt dies aber wiederum dazu, dass diese Therapeuten nur wenig motiviert sind, sich mit Zwängen explizit auseinanderzusetzen. Dabei berichten die auf Zwangsstörungen spezialisierten Therapeuten in der Regel begeistert von der gegenseitig bereichernden, intensiven Therapiearbeit und von erfreulichen Erfolgsaussichten ihrer Klienten. Vorausgesetzt: Der Therapeut ist auf Zwänge spezialisiert und du bist als Klient entschlossen und motiviert, dein Leben in die Hand zu nehmen und ausdauernd die harte, aber letztlich so wundervoll befreiende Arbeit in der Therapie zu machen.

Verhaltenstherapie ist nicht gleich Verhaltenstherapie

Es ist ein bekannter Missstand, dass viele Verhaltenstherapeuten vor allem bei Zwangsstörungen keine Verhaltenstherapie nach Leitlinie durchführen - kein Wunder, denn es ist für sie leichter, mit den Klienten über ihre wöchentlichen Befindlichkeiten zu sprechen als mit ihnen anstrengende, aber langfristig förderliche Expositionen zu machen. Der Gang zum kognitiven Verhaltenstherapeuten ist also keine Garantie dafür, die Behandlung zu bekommen, die man benötigt.

Wir sind genauso wie du der Meinung, dass es als Betroffener eigentlich nicht dein Job sein sollte, die richtige Therapie und den passend spezialisierten Therapeuten zu finden. Gleichzeitig wollen wir dich davon überzeugen, dass im Sinne deiner eigenen Genesung genau das aber zunächst deine wichtigste Aufgabe werden sollte.

Therapeutensuche in der Praxis

Wenn du diesen Artikel bis hierher gelesen hast, sollte dir bereits klar sein, was für eine Art von Therapeuten du suchst - nämlich einen Verhaltenstherapeuten, der sich auf die Behandlung von Zwangserkrankungen spezialisiert hat und hierfür die kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition und Reaktionsmanagement anwendet. Wie findest du nun einen solchen Therapeuten?

Erste Anlaufstellen: DGZ, SGZ und österreichisches Portal rund um die Zwangserkrankung

Die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen (DGZ), Schweizerische Gesellschaft für Zwangsstörungen (SGZ) und das österreichische Portal rund um die Zwangserkrankung haben Therapeutenlisten für Verhaltenstherapeuten, die sich auf die Behandlung von Zwangserkrankungen spezialisiert haben. Im ersten Schritt solltest du also dort anrufen und dich über Therapeuten in deiner Nähe informieren.

Sollte dir kein Therapeut in deiner Nähe genannt werden, kannst du noch weitere Wege gehen:

  • Wende dich mit deinem Anliegen an deinen Hausarzt. Vielleicht hat dieser bereits passende Vorschläge für Spezialisten.

  • Lasse dich alternativ von deinem Hausarzt an einen Psychiater überweisen. Diese wiederum werden dich an einen passenden Psychotherapeuten überweisen können.

  • Suche im Internet nach einem Therapeuten - beispielsweise bei www.therapie.de oder www.psychotherapie.ch.

Prüfe deinen Therapeuten mit diesen drei Fragen

Wie oben beschrieben, besteht keine Garantie, bei jedem Therapeuten eine effektive Behandlung nach Leitlinie zu bekommen - eher ist das Gegenteil der Fall. Bevor du dich also auf einen Therapeuten einlässt, solltest du ihn genau überprüfen.

Burkhard Ciupka-Schön, Autor des Buches Zwänge bewältigen - Ein Mutmachbuch*, schlägt vor, bereits im ersten Telefonat mit einem Therapeuten zu klären, ob es sich um einen Spezialisten für Zwangserkrankungen handelt. Schließlich willst du nach 6-12 Monaten Wartezeit nicht feststellen, dass sich dein Therapeut mit deiner Erkrankung nicht auskennt. Zu diesem Zweck solltest du ihm folgende drei Fragen stellen:

Frage 1: Arbeiten Sie mit kognitiver Verhaltenstherapie und Reizkonfrontation?

Mit dieser Frage erfährst du, ob der Therapeut generell nach Leitlinie behandelt. Wie oben beschrieben, ist kognitive Verhaltenstherapie nicht gleich kognitive Verhaltenstherapie. Elementar für die Behandlung von Zwängen ist nämlich die wirkungsvoll durchgeführte Reizkonfrontation (Exposition und Reaktionsmanagement).

Frage 2: Haben Sie Erfahrungen mit der Behandlung von Zwangserkrankten?

Zwänge sind trickreich und bei der Behandlung steckt der Teufel oft im Detail. Für eine erfolgreiche Behandlung ist daher von Nöten, dass dich dein Therapeut nicht einfach nur durch Expositionen schleust, sondern alle Feinheiten deines Zwangs versteht und damit umzugehen weiß. Es ist zu empfehlen, einen Spezialisten aufzusuchen, der bereits eine große Zahl an Zwangserkrankten erfolgreich therapiert hat. Frage ruhig nach, wie hoch der Anteil an Klienten mit einer Zwangsstörung in seiner Praxis ist - 25% wäre gut.

Viele unerfahrene Therapeuten sind mit manchen Zwängen schlicht und ergreifend überfordert. Für erfahrene Spezialisten ist hingegen kein Zwangsgedanke zu pervers, gefährlich oder abstrus. Sie wissen, dass der Inhalt des Zwangsgedanken keine Relevanz hat und nicht deinen Werten entspricht, und werden dich nie aufgrund dessen verurteilen geschweige denn in die geschlossene Anstalt oder ins Gefängnis schicken. Diese Befürchtungen sind unbegründet.

Frage 3: Bieten Sie Reizkonfrontationen an, bei denen Sie, falls nötig, für Hausbesuche auch Ihre Praxis verlassen?

Expositionen außerhalb der Praxis des Therapeuten, also im häuslichen Umfeld (insbesondere bei Wasch- und Kontrollzwängen) oder in Alltagssituationen des Zwangsbetroffenen, sind unerlässlich für einen Therapieerfolg. Auch wenn dir der Gedanke daran zunächst unangenehm erscheint (z.B., weil du keinen Fremden in deine Wohnung lassen möchtest), solltest du diese Frage unbedingt stellen. Denn sollte der Therapeut diese Frage bejahen, ist dies ein guter Hinweis darauf, dass er auf Zwangsstörungen spezialisiert und motiviert ist, seinen Klienten bestmöglich zu helfen.

Wenn der Therapeut diese drei Fragen bejaht, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass du dich in guten Händen befindest. In Probesitzungen zu Beginn der Therapie schaut ihr dann gemeinsam, wie sich deine psychischen Beschwerden äußern, dich beeinträchtigen, diagnostisch einzuordnen sind und ihr sprecht die erwünschten Therapieziele miteinander ab. Da Verhaltenstherapie vertrauensvolle Zusammenarbeit ist und der Therapieerfolg besonders auch davon abhängt, ob die „Chemie zwischen euch stimmt", ist es wichtig, auch erst einmal herausfinden, ob ihr überhaupt zueinander passt. Wichtig ist außerdem, dass dir dein Therapeut bereitwillig einen schlüssigen Behandlungsplan entsprechend den Leitlinien für die Therapie von Zwangsstörungen vorlegt. Du willst keinen Therapeuten, mit dem du dich wöchentlich nur über deine Befindlichkeiten austauscht. Du willst einen Therapeuten, der basierend auf einer Strategie zusammen mit dir deine Zwangserkrankung therapiert. Therapie sollte immer auf Augenhöhe stattfinden und ein Plan und abgesprochene Therapieziele helfen dir, effektiv, aktiv und motiviert an deiner Behandlung mitzuarbeiten und sie mitzugestalten. Schließlich geht es in der Therapie auch darum, dass du lernst, zum Experten deiner eigenen Zwangsstörung zu werden, indem du die Expositionen nach und nach auch allein durchführst.

Mit dem nötigen Kleingeld: Bezahle für deine Therapie privat

Möchtest du die in der Regel langen Wartezeiten umgehen, besteht die Chance, schneller an einen Therapieplatz zu kommen, wenn du für die Therapie selbst bezahlen kannst. Besonders erfolgsversprechend ist, wenn du dich an Psychotherapeuten wendest, die keinen Kassensitz haben. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen: Diese Therapeuten haben natürlich eine Zulassung, aber sie können die Therapie nicht über die gesetzlichen Krankenkassen abwickeln. Aus diesem Grund haben sie in der Regel eine kürzere Warteliste. Du findest solche Therapeuten beispielsweise über eine gefilterte Suche auf www.therapie.de oder www.psychotherapie.ch.

Oft bieten solche Therapeuten auch ein Kostenerstattungsverfahren an, bei dem du die Kosten von der Krankenkasse erstattet bekommst, wenn du nachweisen kannst, dass du in den nächsten drei Monaten keinen Therapieplatz bei mindestens fünf kassenärztlich zugelassenen Psychotherapeuten bekommen kannst.

Verheimliche gegenüber Fachperson keine Details

Auch wenn es schwierig ist, Hilfe zu bekommen - es wird noch schwieriger, wenn du deinen behandelnden Psychologen oder Ärzten wichtige Details deiner Erkrankung und deines Lebens verschweigst. Natürlich heißt das nicht, dass du von nun an ständig jedes peinliche Detail deiner Zwangserkrankung herausposaunen sollst. Was und wieviel du wem erzählen möchtest, darfst du entscheiden. Hilfreich ist aber, wenn du dich getraust, dich deinem Therapeuten nach und nach zu öffnen und deine Gefühle aussprichst - denn der Zwang liebt und nährt sich durch Scham- und Schuldgefühle.

Gerade gegenüber Fachpersonal musst du dich für die Einzelheiten deiner Erkrankung nicht schämen. Informiere also immer darüber, welche Art von Zwängen du hast, wieviel Zeit deine Zwangserkrankung einnimmt, in welchen Situationen sie besonders stark ist, wie belastend sie für dich ist, wie du dich fühlst, ob du komorbide Erkrankungen vermutest (bspw. eine Suchterkrankung oder Depression) oder ob du Suizidgedanken hast. Es ist schwer, wirkungsvolle Hilfe zu bekommen, wenn man wichtige Details verschweigt.

Suche Hilfe und verliere nicht den Mut, wenn du sie nicht sofort bekommst

Die Behandlungssituation für Zwangserkrankte und die Hilfe für deren Angehörige ist auch heute noch stark verbesserungswürdig. Auch Fachpersonal verfügt leider oft nicht über das nötige Wissen. Ein Großteil der Zwangserkrankungen wird übersehen, fehldiagnostiziert oder als „Spleen" abgetan. Wir hören häufig von Betroffenen, die nach Hilfe suchen, aber die passende Hilfe nicht bekommen.

Wir können die schlechte Behandlungssituation noch nicht ändern, aber wir können dir raten, dich ihr bestmöglich anzupassen. Wenn du also in Therapie bist und den Eindruck hast, nicht nach Leitlinie behandelt zu werden, bringe deine Bedenken auf eine interessierte und kooperative Art zum Ausdruck. Ja, man riskiert hier eventuell, den Unmut seines Therapeuten auf sich zu ziehen, aber denke dabei in erster Linie an dich: Es bringt dir langfristig wenig bis nichts, eine ineffektive, enttäuschende Therapie über dich ergehen zu lassen, die dir dann noch mehr Lebenszeit kostet. Wenn du eine Blinddarmentzündung hast, dann brauchst du einen Chirurgen, der dir den Blinddarm entfernt. Und wenn du unter einer Zwangserkrankung leidest, dann benötigst du einen auf Zwänge spezialisierten Verhaltenstherapeuten, der dich nach Leitlinie behandelt.

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Falls dein Therapeut sagt, er behandle Zwänge generell anders und „auf seine Art", dann sei wachsam und hinterfrage, warum er keine Verhaltenstherapie nach Leitlinie einschließlich Exposition und Reaktionsmanagement macht. Generell ist dies aber bereits ein Hinweis darauf, dass dein Therapeut von Zwängen nur wenig versteht und er - selbst, wenn er sich dazu überreden lassen sollte, nach Leitlinie zu therapieren - diese Therapie aufgrund mangelnder Erfahrung wahrscheinlich fehlerhaft umsetzen wird. Bedenke: Der Zwang ist trickreich und für Nicht-Spezialisten nur schwer zu durchschauen. Unsere generelle Empfehlung lautet daher, einen Spezialisten aufzusuchen, statt bei einem Therapeuten auszuharren, der von sich aus nicht nach anerkannten Standards therapiert.

Unsere Message an dich ist: Bleib am Ball! Es gibt die richtige Hilfe und Hoffnung auf Besserung deiner Zwänge. Sei dir nicht zu schade, nach der Hilfe zu suchen, die dir zusteht und dir ein werteorientiertes, sinnerfülltes Leben ermöglichen kann. Das Problem bist in der Regel nicht du oder deine Zwangserkrankung, sondern der derzeitige Zustand des Gesundheitssystems.

Fazit

Ohne die richtige Strategie überlässt du es dem Zufall, ob du die richtige Hilfe bekommst. Mit der richtigen Strategie hingegen ist das zwar immer noch mühsam, aber machbar. Wir hoffen, dass wir dir in diesem Artikel einige gute Tipps zur Therapeutensuche geben konnten.

Ob du nun bereits einen Therapeuten hast, du auf der Suche bist oder du dich auf einer Warteliste befindest - es ist hilfreich, sich über seine Zwangserkrankung zu informieren, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und seine Genesung in die Hand zu nehmen. Hierzu findest du einige Vorschläge:

Über die Autoren
Martin Niebuhr

Martin Niebuhr ist Gründer von OCD Land. Als leidenschaftlicher Softwareentwickler mit großem Interesse für Psychologie ist es sein Ziel, Betroffene von Zwangserkrankungen bei der Therapie ihrer Zwänge zu unterstützen. Für die Entwicklung der OCD Land-App kombiniert er moderne Web-Technologie mit praxiserprobten Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie. In seinen Blog-Artikeln informiert er über Zwangserkrankungen und wie Zwänge mit diesen bewährten Methoden therapiert werden können.

Elke Atzpodien

Elke Atzpodien ist Wissenschaftlerin in Basel und seit 2019 auch EX-IN (Peer)-Genesungsbegleiterin im Zentrum für Psychosomatik und Psychotherapie, Abteilung Verhaltenstherapie-stationär, Universitäre Psychiatrische Kliniken (UPK) Basel. Bis zum Beginn ihrer Verhaltenstherapie mit Exposition und Reaktionsmanagement im Sommer 2016 war sie selbst von einer langjährigen, zunehmend lebenseinschränkenden Zwangserkrankung betroffen. Als Peer an den UPK begleitet sie nun vor allem Menschen mit einer Zwangsstörung während deren Aufenthalts in der Klinik.