Expositionen: Vermeide diese Fallstricke!



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Expositionen korrekt durchzuführen ist auch für Experten meist kein einfaches Unterfangen. Der Zwang ist tückisch, trickreich und schwer durchschaubar. Wir zeigen dir die häufigsten Fallstricke, die bei Expositionen gegen Zwänge auftreten können.

Versteckte Zwangshandlungen und Absicherungen1

Setzt auch nach mehreren Expositionen keine Habituation ein, ist es sehr gut möglich, dass du im Hintergrund mentale Zwangshandlungen durchführst. Versuche, dich bei den Expositionen genau zu beobachten. Findest du dich in mentalen Selbstgesprächen wieder, in denen du dich beruhigst? Versuchst du, die Verantwortung abzugeben? Versuchst du, dich von der Exposition abzulenken? Verfolgst du die Strategie „Augen zu und durch"? Versuche nach und nach alle diese Absicherungs- und Ablenkungsrituale abzubauen.

Falsche Therapieziele: Die Auslöschung aller negativen Emotionen2

Negative Emotionen sind immer ein Teil des menschlichen Lebens und können nicht komplett eliminiert werden. Im Gegenteil negative Emotionen sind wichtig für unser Überleben - in der Evolution wären sie längst verschwunden, wenn sie nur Nachteile hätten. Falls du einen Hyperfokus auf deine eigenen Emotionen hast und du Schwierigkeiten hast, diese Emotionen zu akzeptieren, sollte dies genauso wie ein weiteres Zwangsthema behandelt werden. Hast du bereits akzeptiert, deine Emotionen nicht komplett kontrollieren zu können und dass negative Emotionen auch immer ein Teil deines Lebens sind? Falls du noch immer aktiv Widerstand gegen deine Gefühle leistest, sie zwanghaft checkst oder versuchst zu kontrollieren, dann gilt es, auch dieses Verhalten abzustellen.

Ungewissheit bezüglich der schlimmsten Befürchtung nicht akzeptiert3

Solange du davon überzeugt bist, dass deine schlimmste Befürchtung um jeden Preis vermieden werden muss, werden Expositionen vermutlich erfolglos bleiben. Vielleicht hilft es dir, mit Methoden der Kognitiven Therapie diese Akzeptanz zu erarbeiten.

Exposition als Verhaltensexperiment4

Viele Therapeuten verwenden bei Ängsten Expositionen als Verhaltensexperiment, das dem Betroffenen zeigen soll, dass seine schlimmste Befürchtung nicht eintritt. Beispielsweise bei Panikstörungen lernt der Klient unter anderem, dass sein Herz nicht stillsteht, wenn er sich im „Hyperventilationstest" mit seiner „Herzangst" konfrontiert, indem er durch ein zu schnelles Atmen seinen Herzschlag rauftreibt.

Das Überprüfen der Angst auf ihren Realitätsgehalt kann auch bei Zwängen manchmal funktionieren: Bespielweise ist das Haus nicht abgebrannt, obwohl ich noch nicht gut genug kontrolliert habe. Bei den meisten Zwängen funktioniert das aber nicht, weil der Zeitpunkt der Katastrophe in einer ungewissen vagen Zukunft liegt (z.B.: „Gottes Verdammnis") und das befürchtete Ereignis in einer vagen Hören-Sagen Vorstellung der Betroffenen liegt, aber von den Betroffenen nie erlebt wurde und wahrscheinlich nie erlebt werden wird. Kaum ein Betroffener, der durch sein Waschen Aids verhindern will, hat dies erlebt. Kein Betroffener mit aggressiven Zwangsgedanken ist straffällig geworden, sodass wir ihn im Gefängnis besuchen könnten. Exposition bedeutet gerade nicht „Realitätsprüfung", sondern Konfrontation und Akzeptanz seiner Anspannung.

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Auch bei erfolgreicher Exposition bleibt immer ein „Was wäre, wenn...", das keine Exposition jemals eliminieren kann - was auch nicht nötig ist, weil unserer Leben immer ein „Restrisiko" beinhalten wird. Das gilt insbesondere, wenn sich die Befürchtung auf die ferne Zukunft bezieht. Das primäre Ziel von Expositionen ist stets, dich an die Ungewissheit und an negative Emotionen zu gewöhnen und nicht, dir zu beweisen, dass deine Befürchtung niemals eintreten wird.

Ausreichende Dauer der Exposition5

Die Exposition sollte frühestens beendet werden, wenn die Anspannung anfängt, nachzulassen - am besten jedoch deutlich später. Als Hilfe kannst du während der Exposition dein Anspannungslevel in 10-Minuten-Abständen mitschreiben.6 So behältst du den Überblick, wie sich deine Anspannung entwickelt (und ein Andenken an die Exposition).

Adressierung relevanter Befürchtungen und Emotionen7

Zwänge können sehr verschieden sein - und Betroffene sehr verschiedene Zwangsgedanken und Befürchtungen haben, die individuell herausgearbeitet werden müssen. Für eine Vielzahl an Betroffenen ist Angst die primäre Emotion, für viele andere aber auch Schuld, Scham, Peinlichkeit, Ekel oder Unvollständigkeit. Die Expositionen sollten die relevanten Befürchtungen und Emotionen adressieren.

Perfektionismus bei Expositionen8

Manche Betroffenen, aber auch unerfahrene Therapeuten, machen sich Sorgen, die Exposition nicht perfekt durchzuführen. Das Ziel sollte nicht sein, Expositionen fehlerfrei zu machen, sondern „so gut wie möglich". Viele verdeckte Zwangshandlungen sind hochautomatisiert und fallen erst im Laufe mehrerer Expositionen auf. Eine perfekte Exposition ist daher illusorisch.

Angst vor Expositionen9

Hast du bereits im Vorfeld Angst vor deinen Expositionen? Dann leidest du höchstwahrscheinlich unter Erwartungsangst. Verschiedene Techniken können dir helfen, mit der Erwartungsangst umzugehen:

  1. Erwartungsangst ist meistens ein sehr schlechter Indikator, die tatsächliche Angst in der Situation vorherzusagen. Widme dich trotz deiner Erwartungsangst deinen Expositionen. Vermutlich wirst du die Erfahrung machen, dass dir die Expositionen leichter fallen als dir deine Erwartungsangst weismachen will.

  2. Nimm deine Erwartungsangst zur Kenntnis, aber kämpfe nicht gegen sie und interagiere nicht mit ihr. Übe dich darin zu akzeptieren, dass sie da ist, aber sie meistens ein sehr schlechter Indikator für deine tatsächliche Angst in der jeweiligen Situation ist. Sie kann daher akzeptiert, aber ignoriert werden.

  3. Konzentriere dich auf Dinge im Hier und Jetzt. Wenn du die Erwartungsangst akzeptierst, aber ignorierst, wird sie über kurz oder lang im Hintergrund verschwinden.

Angst, dass Expositionen die Zwänge langfristig verstärken

Laut dem Zwangsexperten Jonathan Grayson schlagen Expositionen nur in einem Fall nicht an: Wenn du die Möglichkeit deiner zwanghaften Befürchtungen nicht akzeptierst, sondern weiter dagegen ankämpfst.10 Vielleicht hast du trotzdem Angst, dass Expositionen deine Zwänge langfristig verstärken. Bedenke, dass du aktuell genau das Gegenteil von Exposition und Reaktionsverhinderung machst - nämlich Trigger und Zwangsgedanken vermeiden und Zwangshandlungen durchführen - und sich dein Zwang dadurch ungebremst in deinem Leben ausbreiten konnte. Das Gegenteil davon zu machen, wäre alleine aus diesem Gesichtspunkt eine logische Gegenmaßnahme.

Rückfallprophylaxe

Obwohl manche Betroffene es schaffen, ihren Zwang komplett zu überwinden, sind im Normalfall auch nach erfolgreicher Therapie zwischenzeitliche Rückschritte nicht selten.11 Mithilfe der Kognitiven Verhaltenstherapie erreichen Betroffene zwar meist eine starke Reduktion der Symptomatik, aber selten eine komplette Symptomfreiheit.

Damit ist nicht gemeint, dass Zwänge unheilbar sind oder man sein Leben lang darunter leiden wird. Viele Betroffene haben nach der Therapie wieder ein normales Leben. Vermutlich musst du dich aber mit dem Gedanken anfreunden, deine Fortschritte dauerhaft aufrechtzuerhalten und bei Rückschlägen richtig zu reagieren. Folgende Dinge12 können dir dabei helfen:

Sei aufmerksam gegenüber Rückschlägen

Rückschläge verlaufen bei Zwängen in der Regel schleichend, können aber auch durch einen starken Auslöser hervorgerufen werden. Wichtig ist, dass du bereits zum regulären Abschluss deiner Therapie eine klare Vorstellung hast, wie ein Rückschlag für dich aussehen könnte und was du dann zu tun hast. Für jemanden mit Waschzwang kann die Definition für einen Rückschlag beispielsweise sein, dass man sich länger als 30 Sekunden die Hände wäscht. Als Maßnahme stünden dann beispielsweise Expositionsübungen oder die Auffrischung Kognitiver Therapieinhalte an.

Ein Rückschlag ist nur ein Rückschlag und kein Neustart

Rückschläge kennt jeder Betroffene auch nach erfolgreicher Therapie. Ein Rückschlag heißt aber nicht, dass man wieder komplett von vorne anfangen muss - auch wenn es sich vielleicht so anfühlt. In der Therapie hast du bereits ausreichend die Alternative zu deinem zwanghaften Verhalten trainiert: Du fängst also nie von vorne an. Lass dir nicht von deinem Zwang einreden, bei dir hätte die Verhaltenstherapie nicht funktioniert.

Akzeptanz von Therapiezielen

Dein Therapieziel sollte nicht sein, deinen Zwang komplett loszuwerden oder keine negativen Emotionen mehr zu verspüren. Dieses Therapieziel ist unrealistisch und kontraproduktiv. Der ein oder andere Rückschlag gehört zum Leben eines Betroffenen dazu. Gib dir aber dafür nicht die Schuld, sondern sieh es als Gelegenheit, deine Methoden aus der Kognitiven Verhaltenstherapie wiederaufzufrischen.

Kenne deine Trigger

Rückschläge werden meist von bestimmten Triggern ausgelöst, können aber auch einfach so auftreten. Trigger können außerhalb deiner Kontrolle liegen (beispielsweise ein Todesfall in der Familie), aber auch innerhalb deiner Kontrolle sein (zu wenig Schlaf, zu viel Stress auf der Arbeit, verkatert). Es macht Sinn, sich gegen Ende der Therapie Gedanken zu machen, welche Trigger dich wieder in einen zwanghaften Bewältigungsmodus zurückwerfen könnten. Bei Bewusstsein deiner Trigger kannst du deinen Zwang antizipieren und selbst unter schwierigsten Bedingungen den Mut finden, dich Expositionen mit Reaktionsverhinderung zu widmen, ohne den Glauben zu verlieren.

Suche den Austausch

Es kann sehr schwer sein, alleine gegen seine Zwänge zu kämpfen. Du kannst dich aber beispielsweise einer Selbsthilfegruppe anschließen oder Online-Foren beitreten. Auf der Website der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. (www.zwaenge.de) wirst du zu beidem fündig.

Erfahre im nächsten Kapitel, welche Schritte du sonst noch gehen kannst, um deinen Kampf gegen den Zwang langfristig zu gewinnen.


  1. Die Beispiele orientieren sich unter anderem an Fricke (2016), S. 239 f., Seif und Winston (2014), S. 106 ff. und Grayson (2014), S. 64
  2. Vgl. Ciupka-Schön (2020), S. 59
  3. Grayson (2014), S. 147
  4. Grayson (2014), S. 104; Ciupka-Schön (2020), S. 115
  5. Ciupka-Schön (2020), S. 114
  6. Fricke (2016), S. 252
  7. Seif und Winston (2014), S. 106; Ciupka-Schön (2020), S. 113
  8. Grayson (2014), S. 134; Fricke (2016), S. 237
  9. Seif und Winston (2014), S. 170
  10. Grayson (2014), S. 147
  11. Fricke (2016), S. 299; Grayson (2014), S. 318
  12. Die Vorschläge orientieren sich an Grayson (2014), S. 318-329 und Fricke (2016), S. 299-308
Über die Autoren
Martin Niebuhr

Martin Niebuhr ist Gründer von OCD Land. Als leidenschaftlicher Softwareentwickler mit großem Interesse für Psychologie ist es sein Ziel, Betroffene von Zwangserkrankungen bei der Therapie ihrer Zwänge zu unterstützen. Für die Entwicklung der OCD Land-App kombiniert er moderne Web-Technologie mit praxiserprobten Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie. In seinen Blog-Artikeln informiert er über Zwangserkrankungen und wie Zwänge mit diesen bewährten Methoden therapiert werden können.

Burkhard Ciupka-Schön

Burkhard Ciupka-Schön ist Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen und war von 1995 bis Ende 2000 deren Geschäftsführer. Er ist psychologischer Psychotherapeut und Ambulanzleiter in eigener Praxis. Als Dozent und Supervisor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf bildet er angehende Psychotherapeuten aus. Sein Therapie- und Lehrfokus sind Zwangserkrankungen. Burkhard Ciupka-Schön ist Autor des Buches Zwänge bewältigen - Ein Mutmachbuch*.