Zwangshandlungen - Beispiele

Von Martin Niebuhr und Burkhard Ciupka-Schön


Zwangshandlungen sind sehr vielfältig - aber manche Zwangshandlungen treten häufiger auf als andere. In diesem Artikel findest du 100 Beispiele für häufige Zwangshandlungen.

Zwangshandlungen sind Versuche, Ungewissheit, Zwangsgedanken oder durch Zwangsgedanken ausgelöste negative Emotionen aufzulösen, zu verringern, zu neutralisieren, loszuwerden, zu kontrollieren oder zu vermeiden. Es handelt sich erst dann um Zwangshandlungen, wenn diese Verhaltensweisen immer wieder und exzessiv wiederholt werden oder diese selbst auferlegten Regeln folgen.

Zwangshandlungen sind sehr vielfältig und ihnen sind in Form und Inhalt keine Grenzen gesetzt. Daher haben unsere Beispiel-Listen keinen Anspruch auf Vollständigkeit - aber sie beinhalten typische Zwangshandlungen, die bei Betroffenen sehr häufig auftreten.

Im Umkehrschluss heißt das jedoch nicht, dass jede der untenstehenden Handlungen zwangsläufig eine Zwangshandlung ist. Es handelt sich nur um eine Zwangshandlung, wenn sie die oben genannten Bedingungen erfüllt, sie in Relation zu deinen Befürchtungen ganz klar übertrieben ist und dir die Handlungen an sich keinen Spaß macht.

Reinigen und waschen

  • Exzessives und ritualisiertes Händewaschen, Duschen, Baden, Zähneputzen, Köperpflege, etc. (evtl. mit immensen Kosten für Wasser, Seife, Hautcreme, etc.)
  • Exzessive Beschäftigung mit der Reinigung des Haushaltes
  • Exzessive Waschrituale , um eine Läuterung oder Neutralisierung von Schuldgefühlen zu erlangen
  • Exzessive Verwendung von Desinfektionsmitteln, andere Personen desinfizieren oder bitten, sich zu desinfizieren
  • Exzessives Reinigen von Gegenständen und der eigenen Umgebung
  • Ständiges Wechseln und Waschen von Kleidung
  • Wegwerfen, Verkaufen und Zerstören von potentiell kontaminierten Objekten
  • Vermeidung von potentiell kontaminierten Objekten oder exzessive Reinigung vor Benutzung
  • Vermeidung von potentiell schmutzigen Gegenständen (z.B. Müll, Geld, Lebensmittel)
  • Vermeidung von potentiell kontaminierten öffentlichen Orten (bspw. Verkehrsmittel, WCs, Kinos, Restaurants, Supermärkte, Arztpraxen, Krankenhäuser, etc.) und Dingen (Telefone, Türklinken, Klinkeln etc.)
  • Vermeidung von potentiell kontaminierten Personen und körperlichen Berührungen (evtl. auch Vermeidung von Sexualität)
  • Handschuhe, Papier oder andere Hilfsmittel verwenden, wenn potentiell kontaminierte Objekte berührt werden
  • Andere Personen die hier genannten Reinigungsrituale durchführen lassen
  • Andere Leute oder das Internet zu Fragen bezüglich Kontamination konsultieren

Prüfen, kontrollieren, absichern und rückversichern

  • Exzessives Kontrollieren von Fenstern, Türen, Türschlössern, Wasserhähnen, Elektrogeräten, Öfen, Lichtschaltern, etc.
  • Kontrollrituale, um einen (unbemerkten) Autounfall zu verhindern (bspw. exzessive Kontrolle des Rückspiegels, Vermeidung des Autofahrens, Fahren nur mit Beifahrer, Kontrolle von Autoteilen nach einer Autofahrt, eine gefahrene Strecke nochmals kontrollierend abfahren, Polizeifunk abhören)
  • Exzessives Kontrollieren, ob man sich oder andere Menschen verletzt hat (inkl. Vorsichtsmaßnahmen)
  • Kontrolle, ob man mit Kontaminiertem in Berührung gekommen ist; Übersteigerte Aufmerksamkeit auf potentiell Konaminiertes
  • Kontrollieren und Prüfen von scharfen oder spitzen Gegenständen
  • Kontrollieren, ob aufgerauchte Zigaretten oder Streichhölzer noch brennen
  • Prüfen von zu versendenen Briefen, Briefkästen, Paketen, etc.
  • Die Umgebung auf potentielle Gefahren für Kinder oder andere Personen kontrollieren
  • E-Mails, Briefe, Formulare oder anderes Geschriebenes auf Fehler oder ungewünschte Inhalte (bspw. Beleidigungen) kontrollieren
  • Prüfen, ob du nichts verloren, vergessen oder liegengelassen hast
  • Sicherstellen, dass wertvolle Dinge nicht zufällig weggeworfen werden
  • Prüfen, ob du dich richtig verhalten, richtig entschieden oder richtig ausgedrückt hast
  • Deine eigene Erinnerung prüfen und andere Leute Fragen, ob bestimmte Dinge in der Vergangenheit vorgefallen sind (bspw. ob du jemanden verletzt oder beleidigt hast)
  • Prüfen von potentiellen Gas-Quellen (insbesondere bei giftigen Gasen)
  • Prüfen, ob du ungesunde oder (religiös) verbotene Lebensmittel zu dir genommen hast
  • Erstellen von (mentalen oder Handy-) Aufnahmen von zu kontrollierenden Objekten (bspw. ein Handy-Foto, dass der Herd wirklich abgeschaltet ist)
  • Prüfen, ob dir oder jemandem anders (bspw. durch Unachtsamkeit) Schaden zugefügt wurde
  • Kontrollieren, ob Dinge symmetrisch angeordnet sind oder perfekt stehen
  • Wiederholt Dinge lesen, ob man sie korrekt gelesen hat
  • Kontrollieren von (Wechsel-)Geld
  • Wiederholte Anrufe an Familienmitglieder oder Freunde und Bekannte, ob es ihnen gut geht
  • Prüfen, ob sich jemand potentiell Gefährliches in deiner Umgebung aufhält (bspw. unter deinem Bett, in einem anderen Zimmer, im Schrank)
  • Prüfen, ob dein Partner treu ist (Text-Nachrichten, Aufenthaltsorte, etc.)
  • Lebensmittel darauf prüfen, ob nicht jemand Drogen, Medikamente, Chemikalen etc. hinzugefügt hat
  • Andere Personen die hier genannten Kontrollrituale durchführen lassen
  • Die hier genannten Kontrollrituale nur in Begleitung von anderen Personen oder Angehörigen durchführen
  • Andere Personen und Angehörige in Bezug auf Kontrollrituale wiederholt um Rückversicherung fragen (bspw. "Ist der Herd wirklich aus?")
  • Wiederholte Forderung von Rückversicherung bei Experten und Autoritäten wie Ärzten, Rechtsanwälten, Geistlichen, etc., um Sicherheit bei medizinischen, juristischen oder religiösen/moralischen Themen zu erhalten
  • Drang sich zu entschuldigen, ohne wirklich etwas Verwerfliches getan zu haben (primäres Ziel ist die Spannungsneutralisierung und nicht der Ausgleich eines Schadens in der Beziehung)
  • (Mentales) Aufsagen von Gebeten oder gebetsartigen Formeln
  • Vermeiden von Situationen, in denen man mit Kindern allein ist (um pädophile Zwangsgedanken zu unterdrücken oder pädophile Handlungen zu verhindern)
  • Vermeiden von Reizworten (bspw. Teufel, Hölle; Worte wie AutoKreuzung, HimbeerGeist aufgrund von Blasphemie gegen das heilige Kreuz Christi oder gegen den Heiligen Geist)
  • Prüfen von eigenen Körperfunktionen (bspw. Herzschlag, Atmung, Schmerzen)
  • Prüfen, wie man sich gerade fühlt (bspw., ob man sich angespannt fühlt, ob man seinen Partner wirklich liebt, ob der Zwang noch da ist, etc.)
  • Prüfen, ob bestimmte Zwangsgedanken oder andere Trigger (noch) Anspannung auslösen
  • Rekonstruieren von vergangenen Ereignissen, um herauszufinden, ob dir oder anderen Leuten Schaden zugefügt wurde
  • Überprüfen, entfernen und sicherstellen von Dingen in der Umgebung, die anderen Schaden zufügen könnten (bspw. scharfe und spitze Gegenstände, Zigaretten, Glas, Rasierklingen, Steine auf dem Radweg)
  • Die Benutzung scharfer oder spitzer Gegenstände (Messer, Scheren, Rasierern, etc.) vermeiden
  • Andere Personen in ihren Aktivitäten einschränken oder sie wiederholt warnen, um zu verhindern, dass ihnen etwas passiert
  • Andere wiederholt fragen, ob man selbst oder sie sicher sind und ob alles gut wird
  • Exzessives Erstellen von Listen
  • Exzessives Beichten von Dingen, die du getan hast oder von denen du denkst, sie vielleicht getan zu haben (und die anderen evtl. Schaden zugefügt haben)

Magie, Wiederholungen und Zahlen

  • Nach einem System oder einer Regel Zählen; Ausführen von Alltagshandlungen nach magischen Zahlenmustern (z.B.: viermal rechts, viermal links tippen)
  • Bestimmte Wörter, Namen, Geräusche, Sätze, Zahlen oder Bilder bewusst wiederholt denken, gedanklich anordnen oder aufsagen
  • Bestimmte Körperbewegungen, Gesten, Grimassen, Zuckungen oder Handlungen ausführen, obwohl es keinen realen Bezug gibt
  • Objekte oder Gedanken (inkl. Bilder, Zahlen, Worte, etc.) auf eine bestimmte Art und Weise anordnen
  • Auf eine bestimmte Art und Weise gehen (bspw. nur auf bestimmte Dinge treten, immer mit dem linken Bein zuerst losgehen, "symmetrisch" gehen)
  • Handlungen erneut ausführen, wenn man dabei nicht einen bestimmten Gedanken gedacht hat
  • Bewegungen, Handlungen oder Denkprozesse in umgekehrter Reihenfolge ausführen
  • Bestimmte Bewegungen und Handlungen unterlassen, weil sonst eine magische Befürchtung eintreten könnte (bspw. nicht durch eine Tür gehen, weil dann jemand sterben könnte)
  • Objekte auf eine gewisse Art und Weise oder eine genaue Anzahl anstarren, anfassen, antippen, reiben etc.
  • Bei manchen Aktivitäten sich auf eine bestimmte Art und Weise bewegen
  • Bestimmte Aktivitäten wiederholt, eine genaue Anzahl oder lange genug ausführen bis es sich richtig anfühlt (bspw. lesen, schreiben, hinsetzen, aufstehen, durch Türen gehen, unter Brücken fahren)
  • Bestimmte Handlungen vor Benutzung oder vor anderen Handlungen durchführen (bspw. einen Stuhl berühren oder auf spezielle Art und Weise zurechtrücken bevor man sich hinsetzt)
  • Zahlen aufzählen (bspw. bei bestimmten Aktivitäten oder bis zu einer gewissen Zahl)
  • Aktivitäten genau eine gerade oder ungerade Anzahl durchführen
  • Zählen von Objekten in der Umgebug
  • Zählen, wie häufig gewisse Körperfunktionen durchgeführt werden (bspw. Atmung, Herzschlag)

Ordnung, Symmetrie und Perfektion

  • Gedanklich fehlerfreies Aufsagen von Wörtern oder Sätzen
  • Gegenstände auf eine gewisse Art und Weise oder symmetrisch anordnen (bspw. Bücher im Regal strikt nach Größe sortieren, Bleistifte strikt parallel sortieren, etc.)
  • Exzessives Erstellen von Listen über Alltagsgegenstände
  • Neue Gegenstände in perfektem und unbenutztem Zustand erhalten
  • Gegenstände nur in perfektem Zustand kaufen und ggf. zurückggeben
  • Das Zuhause und Gegenstände in perfekter Ordnung und Sauberkeit halten
  • Gegenstände nicht benutzen, wenn sie perfekt angeordnet wurden
  • Sich perfekt ausdrücken, schreiben und kommunizieren (bspw. perfekt ausgedrückt oder fehlerfrei einen Brief schreiben)
  • Worte und Sätze perfekt lesen und verstehen
  • Sich perfekt und vollständig an Dinge erinnern
  • Perfekt und in allen Details über ein gewisses Thema Bescheid wissen
  • Die perfekte Entscheidung treffen wollen (und ggf. unzufrieden sein und eine neue Entscheidung treffen)
  • Dinge perfekt machen und dafür exzessiv viel Zeit in Anspruch nehmen
  • Dinge auf perfekte und exakte Art und Weise denken
  • Perfekt religiös sein oder ein perfekt moralischer Mensch sein
  • Sich selbst über alle Maßen verurteilen (auch schon bei kleineren Fehlern)
  • Sich perfekt und vollständig seine Umgebung bewusst machen
  • Die perfekte und vollständige Wahrheit erzählen/beichten
  • Die eigene äußere Erscheinung perfekt oder symmetrisch herrichten und erhalten (Haare, Nägel, Kleidung, Makeup)
  • Dinge nur zur "perfekten" Zeit machen

Grübeln und denken

  • Im Nachhinein über vergangene Ereignisse zurückblicken und versuchen, sich genau an diese zu erinnern oder sie zu verstehen
  • Über (vergangene) Gedanken oder Handlungen nachdenken, um herauszufinden, ob sie angemessen und richtig sind (waren)
  • Darüber grübeln, ob du in der Vergangenheit eine gewisse Sache wirklich gemacht hast oder nicht
  • Darüber grübeln, ob du oder jemand anders in der Vergangenheit zu Schaden gekommen ist oder ob du jemandem Schaden zugefügt hast
  • Über gewisse Themen exzessiv nachdenken
  • Etwas, was du oder andere gesagt haben, wiederholt durchgehen und evtl. versuchen, das Gesagte ganz genau zu verstehen und zu deuten
  • Im Kopf Gegenstände auflisten, anordnen oder verorten
  • Versuchen, sich an Dinge oder Fakten zu erinnern
  • Im Kopf (Gegen-)Bilder erzeugen, um Anspannung oder Zwangsgedanken zu neutralisieren
  • Exzessives Sorgen über die Überfokussierung der Aufmerksamkeit auf einen nebensächlichen Aspekt; immer wiederkehrendes Überprüfen dieses Zustandes meiner Aufmerksamkeit
  • Darüber grübeln, ob es sich bei deinen Gedanken wirklich um Zwangsgedanken handelt
  • Darüber grübeln, ob deine Zwangsgedanken nicht doch deinem inneren Wesen entsprechen
  • Darüber grübeln, was deine Gefühle bedeuten könnten
  • Darüber grübeln, ob Dinge real sind, ob du verrückt wirst oder ob wir in einer Simulation leben
  • Zwangsgedanken nochmal mit Absicht denken, um zu kontrollieren ob sie immer noch negative Emotionen auslösen

Diese Listen wurden von folgenden Büchern inspiriert: Zwänge bewältigen: Ein Mutmachbuch*, Freedom from Obsessive-Compulsive Disorder* und Therapie-Tools Zwangsstörungen*. Sie eignen sich nicht zur Selbstdiagnose. Bitte suche einen spezialisierten Psychotherapeuten für eine Diagnose auf.

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Zwangshandlungen überwinden

Der Goldstandard für die Behandlung von Zwangsstörungen (und damit Zwangshandlungen) ist die kognitive Verhaltenstherapie einschließlich Expositionen und Reaktionsverhinderung. Erfahre mehr in unserer Einführungs-Serie über Zwänge und wie man sie mit wissenschaftlich bewiesenen Strategien nachhaltig überwindet.

Klicke hier, für unsere Übersicht von 100 häufigen Zwangsgedanken.
Über die Autoren
Martin Niebuhr

Martin Niebuhr ist Gründer von OCD Land. Als leidenschaftlicher Softwareentwickler mit großem Interesse für Psychologie ist es sein Ziel, Betroffene von Zwangserkrankungen bei der Therapie ihrer Zwänge zu unterstützen. Für die Entwicklung der OCD Land-App kombiniert er moderne Web-Technologie mit praxiserprobten Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie. In seinen Blog-Artikeln informiert er über Zwangserkrankungen und wie Zwänge mit diesen bewährten Methoden therapiert werden können.

Burkhard Ciupka-Schön

Burkhard Ciupka-Schön ist Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen und war von 1995 bis Ende 2000 deren Geschäftsführer. Er ist psychologischer Psychotherapeut und Ambulanzleiter in eigener Praxis. Als Dozent und Supervisor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf bildet er angehende Psychotherapeuten aus. Sein Therapie- und Lehrfokus sind Zwangserkrankungen. Burkhard Ciupka-Schön ist Autor des Buches Zwänge bewältigen - Ein Mutmachbuch*.