Ursachen von Zwangsstörungen und Zwangsgedanken



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Leidest du unter einer Zwangsstörung, hast du dich sicher schon mal gefragt, wieso gerade du davon betroffen bist. Eine Antwort auf diese Frage zu finden, ist gar nicht leicht. Wahrscheinlich weil es mehrere Ursachen gleichzeitig gibt, deren Kombination bei jedem Betroffenen eine andere ist. Eine Spurensuche.

Vielleicht bist du auf diesen Artikel gestoßen, weil du den einen Auslöser für deine Zwangserkrankung suchst - in der Hoffnung, dass du diesen Auslöser nur finden und auflösen musst und es sich dann mit deinem Zwang erledigt hat. In der Realität funktioniert das in der Regel: Wenn sich das Licht in unserer Wohnung nicht anschalten lässt, kann die Sicherung herausgesprungen sein, im ganzen Stadtteil könnte der Strom abgeschaltet worden sein oder es ist einfach die Glühbirne kaputt. Wenn ich die Ursache kenne, dann weiß ich, was zu tun ist. Bei einem Stromausfall kann ich beispielsweise nur abwarten.

Wenn du nach der gleichen Logik eine Ursache für deine Zwänge suchst, dann tut es uns leid, dich enttäuschen zu müssen: Wie bei vielen anderen psychischen Erkrankungen gibt es auch bei Zwängen in der Regel viele Faktoren, die für das Entstehen und Ausbrechen der Erkrankung verantwortlich sind.

Und jetzt die gute Nachricht: Für das Überwinden deiner Zwangserkrankung ist es gar nicht unbedingt notwendig, die Ursachen ganz genau zu verstehen. Aber sie können dir sehr helfen, Mitgefühl zu dir selbst und deiner Lebensgeschichte zu entwickeln und dir keine Schuld mehr für eine psychische Erkrankung zu geben, die du dir nicht freiwillig ausgesucht hast. Diese neu geschöpfte Kraft unterstützt dich dabei, in Form der kognitiven Verhaltenstherapie einen neuen Umgang mit deinem Zwang zu erlernen und ihn langfristig zu überwinden.

Biologische Ursachen für Zwangsstörungen

Es gibt Hinweise darauf, dass Betroffene von Zwängen eine genetische Veranlagung für das Ausbilden von Zwangssymptomen haben. Diese genetische Veranlagung heißt nicht zwangsläufig, dass man eine Zwangsstörung entwickelt, aber sie macht sie wahrscheinlicher. Diese Veranlagung kann sich beispielsweise durch eine geringere Toleranz von Ungewissheit äußern: Deine Schwelle bis sich ein Gefühl für Gewissheit oder Vollständigkeit einstellt, liegt bei dir höher als bei anderen Menschen. Auch, wenn die Wissenschaft eine hohe genetische Beteiligung bei Zwängen annimmt, lohnt es sich den Kampf gegen seine Zwänge aufzunehmen.

Das Beispiel einer jungen Kindergartenerzieherin (24), die sich wegen ihrer Zwänge in Behandlung befindet, zeigt uns, dass es noch eine Fülle weiterer Faktoren geben muss und dass Zwänge kein unentrinnbares Schicksal sind. Die junge Dame hat eine eineiige Zwillingsschwester, die nicht unter Zwängen leidet. Beide Schwestern haben die gleichen Gene und hatten bis zum 18. Lebensjahr parallele Entwicklungen im selben Elternhaus und in der gleichen Schule. Beruf und Lebensgefährten waren Entscheidungen nach dem 18. Lebensjahr, die die Schwestern in verschiedene Richtungen führten und die von Zwängen betroffene Zwillingsschwester zeichnete sich besonders durch ein Schwärmen für Mode und perfektes Aussehen aus, weil sie entsprechenden Vorbildern nacheiferte (Heidi Klums Next Topmodel).

Dieses Einzelbeispiel zeigt uns, dass auch späte Ereignisse im Leben die Funktion der Weichenstellung bei Zwängen übernehmen können und das Zwänge nicht alleine durch genetische Ursachen oder durch Belastungen in der Kindheit verursacht werden müssen.

Intoleranz von Ungewissheit

Wenn du unter Zwängen leidest, dann hast du höchstwahrscheinlich Befürchtungen, die du um jeden Preis verhindern möchtest - und damit einhergehend plagen dich ständig aufdringliche Gedanken und Gefühle, die dich in regelmäßigen Abständen daran erinnern. Die Ungewissheit, deine Befürchtungen nicht kontrollieren zu können, treiben dich in den Wahnsinn. Nicht-Betroffene scheinen hingegen trotz der gleichen Ungewissheiten ihr Leben unbekümmert weiterleben zu können. Woran liegt das?

Wichtig hierbei ist es, zu verstehen, dass Gewissheit tatsächlich ein Gefühl ist. Denke beispielsweise jetzt gerade an einen geliebten Menschen in deinem Leben, der aber gerade nicht bei dir ist. Selbst wenn du unter einer Zwangsstörung leidest, stellst du höchstwahrscheinlich nicht in Frage, dass dieser Mensch gerade lebendig und nicht tot ist. Du weißt es nicht - aber du verlässt dich auf das Gefühl, dass es die geliebte Person wohlauf ist.

Anders ist es mit deinen zwanghaften Befürchtungen: Hier spürst du die Ungewissheit am ganzen Leib: Du bist angespannt und dein Kopf erinnert dich ständig daran, dass hier noch eine "offene Baustelle" existiert. Das Gefühl von Ungewissheit schlägt hier voll zu - obwohl du vielleicht selbst bereits merkst, dass dieses Gefühl völlig übertrieben und unangebracht ist.

Der Grund ist, dass du eine Intoleranz von Ungewissheit hast, die einfach stärker ausgeprägt ist als bei anderen Menschen. Evolutionär war diese Eigenschaft sicher sinnvoll: Es ist praktisch, wenn dich dein Gehirn ständig an eine mögliche Gefahr erinnert. Streift ein gefährlicher Tiger durchs Dorf, sorgen zwangsähnliche Mechanismen dafür, dass du in akuter Alarmbereitschaft bist. Dieser Mechanismus hat deinen Vorfahren sicher das ein oder andere Mal das Leben gerettet.

Leidest du an einer Zwangsstörung, hat sich dieser Mechanismus jedoch durch den Teufelskreis Zwang verstärkt und ist aus dem Ruder gelaufen. Während es Nicht-Betroffenen gelingt, potenziell aufdringliche Gedanken und die damit einhergehende Befürchtung schnell wieder ziehen zu lassen, ist das bei dir anders: Das Gefühl von Gewissheit will sich einfach nicht einstellen. Daher hilft dir auch kein stundenlanges Grübeln oder Kontrollieren. Deine genetische Veranlagung und andere Ereignisse in deinem Leben haben damit dafür gesorgt, dass sich der Zwang überhaupt ausbilden konnte.

Bei Menschen mit Zwangsstörungen kann man außerdem mithilfe von Gehirnscans die Überaktivität bestimmter Regionen feststellen. Die gute Nachricht: Diese Überaktivität ist nicht permanent, sondern kann durch Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie dauerhaft abgebaut werden. Weiterhin scheint der Botenstoff Serotonin eine Rolle zu spielen. Dadurch kann erklärt werden, dass auch eine medikamentöse Behandlung mithilfe von SSRIs positive Effekte hat.

Gewissenhaftigkeit, Intelligenz, Neurotizismus und Kreativität als Fundament der Zwangsstörung

Einige Persönlichkeitsmerkmale sind von Mensch zu Mensch von Geburt an unterschiedlich. Dazu gehören beispielsweise:

  • Gewissenhaftigkeit: Wie effizient und organisiert du bist
  • Intelligenz: Deine Fähigkeit, kognitive Probleme zu lösen
  • Neurotizismus: Wie stark du negative Gefühle empfindest (bspw. Angst)
  • Kreativität: Wie leicht dir neue Ideen kommen

Diese Merkmale werden in großen Teilen von Eltern an ihre Kinder vererbt und sind relativ stark an eine Person gebunden. Vielleicht hast du nun Zweifel an dieser Aussage, weil uns von außen oft gesagt wird, dass jeder gleich ist und jeder die gleichen Ziele erreichen kann - wenn er nur will. Diese Aussage ist aber äquivalent wie die Behauptung, du könntest als jemand mit braunen Augen auf einmal blaue Augen bekommen - wenn du nur willst. Persönlichkeitsmerkmale werden genauso vererbt wie äußere Merkmale. Willst du mehr darüber erfahren, dann informiere dich über das wissenschaftlich fundierte OCEAN-Modell.

Was haben diese Persönlichkeitsmerkmale nun mit Zwangsstörungen zu tun?

Menschen mit hohem Neurotizismus empfinden negative Emotionen wie Angst, Schuld, Scham, etc. stärker als andere Menschen. Stell es dir wie einen Verstärker dieser Emotionen vor. Wie für jeden anderen Menschen sind diese Gefühle unangenehm - aber für dich nochmal besonders stark. Deine Motivation, diese Gefühle loszuwerden oder zu vermeiden ist daher überdurchschnittlich hoch.

Problematisch wird es nun, wenn man diese Intoleranz von negativen Gefühlen mit einer hohen Gewissenhaftigkeit kombiniert: Denn dann bist du nicht nur sehr motiviert, sondern auch sehr effizient und ehrgeizig darin, deine Gefühle, Gedanken und Zweifel loszuwerden. Was bringt nun das Fass zum Überlaufen? Wenn man dir ein Problem gibt, das niemals gelöst werden kann - was sich aber stets so anfühlt als wärst du kurz davor. Durch deinen starken Neurotizismus fühlst du dich bereits bei kleinen Triggern angespannter als Nicht-Betroffene und gewissenhaft, wie du bist, setzt du nun alle Hebel in Bewegung, deine Anspannung loszuwerden. Ob das am Ende im Händewaschen, Kontrollieren oder Grübeln eskaliert, ist dann nebensächlich - der Mechanismus ist immer der gleiche.

Deine Kreativität und Intelligenz sind nun noch zusätzliche Verstärker in diesem Prozess. Durch deine Kreativität fallen dir immer neue "Ideen" (in diesem Fall: Zwangsgedanken) ein, wieso du deine Befürchtung nun doch noch nicht unter Kontrolle hast. Deine Intelligenz ist eine mächtige Waffe, wenn es darum geht, messerscharf zu analysieren und zu beurteilen, wo du den Forderungen deines Zwangs noch nicht ausreichend nachkommst und was du noch "besser" machen kannst.

Führe dir aber folgendes vor Augen: Intelligenz, Gewissenhaftigkeit und Kreativität sind Persönlichkeitsmerkmale, die gesellschaftlich höchst anerkannt sind und sogar wissenschaftlich belegt auf beruflichen Erfolg und eine hohe Lebenszufriedenheit schließen lassen. In den Händen deines Zwangs sorgen diese Waffen jedoch für Chaos und Unruhe.

Psychologische Faktoren und Lernerfahrungen als Ursachen für Zwangsstörungen

Entscheidend für die Entwicklung deines Zwangs sind auch psychologische Faktoren wie, die Erziehung der Eltern, prägende Lebensereignisse, Lernerfahrungen und Lebensumstände. Beispielsweise könntest du eine zu hohe Leistungserwartung oder zu hohe moralische Standards seitens deiner Eltern internalisiert und dir zu eigen gemacht haben.

Vielleicht ist dein Zwang auch erst bei einem prägenden Lebensereignis oder bei anderen belastenden Lebensumständen ausgebrochen. Beispielsweise entwickeln viele junge und unerfahrene Eltern aggressive Zwangsgedanken oder sexuelle Zwangsgedanken gegen ihr Baby. Oder du entwickelst bei deiner Verlobung zwanghafte Zweifel an deinem Partner Relationship-OCD.

Problematische Bewältigungsstrategien halten deine Zwangsstörung aufrecht

In dem Moment, in dem dich zum ersten Mal zwanghafte Befürchtungen und Zwangsgedanken begegnet sind, wusstest du dir nicht besser zu helfen als zu versuchen, deine Gedanken und deine Anspannung loszuwerden, ihnen eine negative Bedeutung zuzuschreiben und sie mithilfe von Zwangshandlungen, Grübeleien, Vermeidungen und Absicherungsstrategien zu kontrollieren. Paradoxerweise hat genau das erst dazu geführt, dass deine Zwangserkrankung so richtig ausgebrochen ist und auch weiterhin aufrechterhalten wird.

Wahrscheinlich hast du bereits die Erfahrung gemacht, dass diese problematischen Bewältigungsstrategien dir vielleicht kurzfristig Beruhigung verschaffen, aber gleichzeitig dazu führen, dass deine Zwangsgedanken und deine Anspannung langfristig immer stärker werden. Alle deine Bewältigungsversuche funktionieren nicht, sondern bewirken das Gegenteil: Je mehr du gegen deine Gedanken, Zweifel und negativen Emotionen kämpfst, desto stärker verbeißen sie sich. Das ist auch der Grund, weswegen dein Zwang trotz aller Mühe und Anstrengung nicht einfach so verschwindet. Je mehr Energie du auf den Kampf gegen ihn aufwendest, desto stärker kämpft er zurück. Willkommen im Teufelskreis Zwang.

Unser Stress-See oben möchte einen Überblick vermitteln: Wir haben zunächst ein System an Zuflüssen, die in einen Stress-See münden. An einer Stelle ist der See über sein Ufer getreten und erzeugt dort Zwänge. Unser Zufluss-System besteht aus Haupt- und Nebenarmen. Genetische Faktoren fließen schon vor der Geburt ein. Nach der der Geburt durchläuft die Person verschiedene Stationen der Entwicklung, bei denen neuer Stress in unser System einfließen kann: Hat die Person überforderte Eltern? Ist die Schule eine Stütze oder Last? Findet die Person Freunde?

Von der Geburt bis heute können unterschiedliche Stressfaktoren in verschiedenen Lebensphasen in unseren Stress-See fließen. Die meisten Ursachen sind optional, das heißt diese Ursachen sind bei jeder Person anders zusammengesetzt. Der Teufelskreis Zwang ist eigentlich immer dabei und er ist, was häufig unterschätzt wird, die Hauptursache für den Zwang.

Fazit

In der Regel führt die Kombination aus biologischen und psychologischen Entwicklungsfaktoren zum Ausbruch einer Zwangserkrankung. Was aber auch immer die Entstehungsgründe für deinen Zwang waren - du hast dir diese Erkrankung nicht ausgesucht. Sie ist daher weder das Ergebnis eines schwachen Charakters noch trifft dich eine Schuld daran.

Wichtig zu verstehen ist, dass es zwar Gründe für die Entstehung deines Zwangs gab, diese aber für die Behandlung deiner Zwangsgedanken größtenteils irrelevant sind - ähnlich wie es für einen Raucher, der mit dem Rauchen aufhören möchte, irrelevant ist, wieso er mit dem Rauchen angefangen hat. Die kognitive Verhaltenstherapie - die einzige wissenschaftlich belegte psychotherapeutische Intervention gegen Zwänge - versucht daher, mit dir Strategien zu entwickeln, wie du dich im Hier und Jetzt gegen ein Leben mit ständiger Anspannung, Zweifeln und Zwangshandlungen entscheidest und stattdessen dein Leben in Freiheit und Gelassenheit lebst.

Bei einfachen technischen Problemen, wie dem kaputten Licht im Haushalt, hilft die Klärung der Ursachen bei der Problemlösung weiter. Eine zu lange Ursachenklärung bei Zwangserkrankungen verschwendet hingegen Zeit und Energie, die anderswo fehlt. Der Zwang selbst nutzt die übermäßige Ursachenklärung gerne als Vermeidungsstrategie, um dich von der Möglichkeit der Exposition abzulenken, mit der du dem Zwang tatsächlich an den Kragen gehen kannst.

Über die Autoren
Martin Niebuhr

Martin Niebuhr ist Gründer von OCD Land. Als leidenschaftlicher Softwareentwickler mit großem Interesse für Psychologie ist es sein Ziel, Betroffene von Zwangserkrankungen bei der Therapie ihrer Zwänge zu unterstützen. Für die Entwicklung der OCD Land-App kombiniert er moderne Web-Technologie mit praxiserprobten Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie. In seinen Blog-Artikeln informiert er über Zwangserkrankungen und wie Zwänge mit diesen bewährten Methoden therapiert werden können.

Burkhard Ciupka-Schön

Burkhard Ciupka-Schön ist Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen und war von 1995 bis Ende 2000 deren Geschäftsführer. Er ist psychologischer Psychotherapeut und Ambulanzleiter in eigener Praxis. Als Dozent und Supervisor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf bildet er angehende Psychotherapeuten aus. Sein Therapie- und Lehrfokus sind Zwangserkrankungen. Burkhard Ciupka-Schön ist Autor des Buches Zwänge bewältigen - Ein Mutmachbuch*.