Wie mir eine Verhaltenstherapie beim Überwinden meiner Zwänge geholfen hat


Ich erinnere mich noch gut daran, wie verzweifelt ich als ca. achtjähriges Mädchen jeden Abend mit Tränen ins Badezimmer lief, um mir immer und immer wieder meine Hände zu waschen. Irgendwann waren meine Hände so rissig und trocken, dass ich mein Leid nicht mehr verstecken konnte und auch von außenstehenden Personen darauf angesprochen wurde.

Warum ich an einer Zwangsstörung erkrankt bin, war mir für eine sehr lange Zeit unklar und ich konnte lediglich Vermutungen aufstellen. Mittlerweile weiß ich, dass es in meiner Kindheit viele Situationen gegeben hat, die den Ausbruch meiner Zwangsstörung begünstigt haben. Meine Kindheit war von vielen Ängste und Sorgen geprägt, die irgendwann anfingen, mein Leben zu bestimmen.

Ich glaube, dass der Händewaschzwang damals die Art und Weise war, wie ich meine inneren Verletzungen nach außen getragen habe. Ungewollt und nicht zu verstecken, denn auch meine Eltern haben meine Verzweiflung schnell beobachten können. Ich glaube, dass mir der Zwang die Sicherheit gegeben hat, die ich mir immer erhofft habe. Die Kontrolle darüber, dass meiner Familie nichts passieren wird, keine Krankheit eintritt oder jemand stirbt.

Geholfen hat mir in meiner Kindheit eine Therapie. Allerdings weiß ich nicht genau, ob ich nach meiner ersten Therapie jemals komplett zwangsfrei gelebt habe, denn der Übergang war fließend und die Zwänge verfolgten mich auch in meiner Jugend. Immer wieder kamen Faktoren dazu, die mich belastet, verletzt und traurig gemacht haben. Verletzungen in meiner Seele, über die ich nicht sprechen wollte, konnte und die ich versucht habe, allein zu heilen. Ich konnte mit niemanden darüber sprechen, weil ich mich so sehr von meinen Ängsten einschüchtern lassen habe. Ich weiß noch, dass ich mir immer wieder eingeredet habe, dass ich die Zwangsstörung allein in den Griff bekommen und bewältigen kann. Ein Teil von mir wusste allerdings immer, dass ich es allein nicht schaffen würde.

Und somit vergingen Jahre, in denen sich meine Gedanken verfestigen konnten. Mit der Zeit wurden meine Zwangsgedanken und Zwangshandlungen komplexer, haben sehr viele Bereiche in meinem Leben eingenommen und sich längst nicht mehr nur auf Gedanken über „Krankheiten" und den „Tod" bezogen. Ich bin froh, dass ich nach all den Jahren den Entschluss gefasst habe, mir Hilfe zu suchen und Ende 2016 eine Verhaltenstherapie zu beginnen.

Wenn ich zurückblicke, war besonders die Anfangszeit in der Therapie sehr schwer für mich, weil ich selbst kaum noch Hoffnung hatte, dass sich meine Symptomatik zum Besseren wenden kann und ich Angst hatte, dass mir die Therapie nichts bringen wird, weil es dafür vielleicht schon viel zu spät ist und sich meine Zwangsstörung zu stark verfestigt hat. Auch die Tatsache, dass ich den Schritt gegangen bin, ohne in meinem engsten Familien- und Freundeskreis etwas anzusprechen, war ungewohnt. Dennoch habe ich mich dazu entschieden und diese Entscheidung habe ich für mich und gegen meine Zwangsstörung getroffen und ich bin glücklich darüber, diesen Weg gegangen zu sein.

Wenn ich mich daran erinnere, wie schwierig ganz alltägliche Dinge für mich waren, weil ich sie ständig wiederholen musste und mein Leben von meinen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen bestimmt war, dann kann ich nun sagen, dass ich während der Therapie so viele bedeutsame Schritte in Richtung Heilung gegangen bin und ich nun so langsam wieder weiß, wie es ist, ohne ständige Zwangsgedanken und Zwangshandlungen zu leben.

Einer der wichtigsten Schritte in der Therapie war, mich von meiner Zwangsstörung zu distanzieren. Am meisten hat mir dir dabei die Vorstellung einer Wolke geholfen, die über mir schwebt und für meine Zwangsgedanken stehen soll. Meine Sicht auf den weiten Himmel, auf die Sonne oder auch auf die Sterne am Abend war kaum möglich, weil sie mit jeder Zwangshandlung immer größer wurde. Diese Wolke gehörte eine so lange Zeit zu meinem Leben und hat mir auf einer Art und Weise auch das gegeben, was ich vergeblich gesucht habe - nämlich Sicherheit. Schon seit meiner Kindheit beschützte mich diese Wolke vor all meinen Ängste. Eine der wichtigsten Erkenntnisse in der Therapie war allerdings, dass mir meine Zwangsstörung keine Sicherheit versprechen kann.

Ich hätte niemals gedacht, dass ich diese Höhen und Tiefen in der Therapie, auf die ich auch anfangs hingewiesen wurde, so intensiv zu spüren bekomme oder an meine Grenzen kommen werde. Vor der Therapie hätte ich keinen Fuß auf einen Friedhof gesetzt, habe jegliche Nähe zu diesem Ort gemieden und nun habe ich erkannt, wie wichtig es ist, diesen Ort immer wieder zu besuchen. Und auch wenn ich Friedhöfe weiterhin als einen traurigen Ort wahrnehme, kann ich nun da sein, mir Grabsteine angucken oder sogar auch berühren. Der Friedhof ist nun zu einem Ort geworden, den ich besuchen kann, der nicht mehr nur mit negativen Gefühlen und Zwangsgedanken verbunden ist. Dies habe ich geschafft, weil mir meine Expositionserfahrungen gezeigt haben, dass ich mit meinem Besuch und meinen Handlungen auf dem Friedhof keinen Einfluss auf die Gesundheit meiner Familie nehmen kann.

Die Themen „Krankheiten" und „Tod" sind zwar immer noch schwierig für mich, aber ich fühle mich nun so, als hätte ich diese Themen für mich angenommen und akzeptiert. Zudem haben mich die Expositionen auch motiviert, mich in meinem Alltag immer mehr herauszufordern, Zwangsgedanken anzunehmen und sie auszuhalten. Und auch wenn es nicht immer funktioniert, merke ich, dass ich schon so viele Situationen aushalten kann und ohne eine Wiederholung meistere. Dies war für mich damals unvorstellbar.

Durch meine bisher neu erlernten Umgangsweisen mit Zwangsgedanken, kann ich sie größtenteils annehmen und akzeptieren. Diesbezüglich denke ich, dass auch die Gespräche mit am hilfreichsten waren. Denn bisher waren meine Überzeugungen und Glaubenssätze so stark, dass ich sie nicht hinterfragen konnte. Erst durch die Gespräche in der Therapie habe ich angefangen, sie zu hinterfragen und ich habe erkannt, dass es okay ist, mal „negative" oder beängstigende Gedanken zu haben. Und nur weil ich diese Gedanken habe, heißt es nicht, dass sie auch wahr werden. Für diese Erkenntnis waren die Übungen in der Verhaltenstherapie besonders hilfreich und die dort besprochenen Methoden helfen mir in schlimmen Phasen meiner Zwangsstörung, das magische Denken zu hinterfragen und meine Ängste und Sorgen realistisch zu betrachten.

Dennoch gibt es immer wieder mal Tage, an denen es nicht so gut läuft und ich das Gefühl habe, dass mich die Überforderung und Verzweiflung von damals wieder einholt. Ich habe immer noch große Angst davor, Menschen zu verlieren, die mir wichtig sind. Ob es nun die Distanzierung in einer Freundschaft, ein Unfall oder auch der Tod ist -- ich habe Angst davor, Menschen, die ich mag und liebe, zu verlieren. Daher gehe ich davon aus, dass die Zwangsstörung mir manchmal immer noch die Sicherheit gibt, die ich brauche, um meine Bedenken und Sorgen loszuwerden. Wobei das nur ein Schein ist, denn die Zwangsstörung macht mich alles andere als glücklich und ich habe in der Therapie verstanden, dass die Aufrechterhaltung verschlimmert und mein Empfinden nur für eine kurze Zeit beruhigt ist, bis alles wieder von vorne beginnt.

Ich weiß mittlerweile, dass es wichtig ist, dort anzusetzen, wo es wehtut und dass ich meine Gedanken und Gefühle nicht unterdrücken kann und sollte. Anstatt ihnen aus dem Weg zu gehen, möchte ich gemeinsam mit ihnen gehen. Es wird immer wieder Hoch- und Tiefphasen im Leben geben und somit auch in meiner Zwangssymptomatik. Wichtig ist nur, dass ich diese Tiefphasen und Situationen erkenne, dass ich sie für mich annehme und dann wieder loslasse. Es ist wichtig, genau dort hinzuschauen, wo es wehtut. Dass ich die Gedanken und Situationen, die mir am meisten wehtun, erkenne, nicht wegschaue und mich ihnen stelle. Diese Erkenntnis ist für mich von so großer Bedeutung und sie wird mich auch weiterhin auf meinem Weg begleiten.

Ich habe in der Therapie viel über mich selbst gelernt, mich so sehr mit mir selbst auseinandergesetzt und über viele Themen nachgedacht, die ich nun besser verstehe. Ich fühle mich hinsichtlich meiner Zwangsstörung selbstreflektierter und ich denke, dass ich diese Selbstreflexion auch auf meine zukünftige Zwangssymptomatik übernehmen kann. Und ich weiß, dass all diese Erkenntnisse in der Therapie wichtig waren, um einem Leben ohne Zwangsstörung näher zu kommen. Ich habe gelernt, dass es nicht den Weg gibt, den jeder gehen kann, um zwangsfrei zu leben. Es geht darum, seinen eigenen Weg zu finden und auch wenn mein Weg länger ist, wird es sich lohnen. Am Ende kommt es auf die noch so kleinen Schritte an, die ich gegangen bin, um an mein Ziel zu kommen.

Alexandra, 25 Jahre

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