Wie ich nach 50 Jahren Waschzwang endlich die richtige Hilfe fand


50 Jahre lang musste ich unter meinen Zwängen leiden, bis ich im Alter von 80 Jahren endlich an den richtigen Ort kam, wo mir geholfen wurde. Nach vielen Therapien, Coachings und „Methoden", die nichts gebracht hatten, erfuhr ich nun zum ersten Mal, was ich all die Jahre gehabt hatte und begann in einer Spezialklinik für Zwangsstörungen meinen Weg aus den Zwängen. Mit meiner Geschichte möchte ich euch Mut machen, dass es auch im hohen Alter und nach jahrzehntelangen Zwängen noch Wert hat, eine Verhaltenstherapie mit Expositionen zu machen, um ein befreites Leben zu bekommen.

50 Jahre lang litt ich unter Zwängen

Als ich im Alter von 80 Jahren endlich in einer Spezialklinik für Zwänge war, fand ich zusammen mit meiner Therapeutin heraus, dass alles bei mir wohl schon in jungen Jahren, als ich 25 Jahre alt war, mit starken Todesängsten begonnen hatte. Ich musste mich als junge Frau vor Angst oft sogar in die Arme zwicken, um zu prüfen, ob ich noch lebe. Es war schrecklich. Schon damals war ich drei Monate in einer Klinik. So fing es mit meiner Angst vor dem Tod an.

Ich heiratete, hatte Kinder und einen Beruf und bald gingen die Ängste über in die Angst davor, dass jemand den Tod an sich „kleben" haben und zu mir in die Wohnung bringen und dort verbreiten könne. Für mich war der Tod etwa so, wie für andere die Bakterien, die sich über Menschen, Gegenstände, ja sogar Insekten, rasend schnell und unendlich weit verbreiten könnten. Wenn ein Mensch gerade gestorben war und dann jemand vom Friedhof, Krankenhaus, aus der Kirche oder dem Altersheim zu mir kam, hatte ich schreckliche Gedanken und panische Angst, dass er den Tod an seinen Füßen, Schuhen, Händen oder Gegenständen zu mir mitbringen könne und dass nun der Tod bei mir am Boden und überall in der Wohnung verbreitet wird. Ich musste das dann wegputzen - putzen, putzen, putzen! Oder mich duschen, duschen, duschen und danach frische Kleider anziehen. Es war qualvoll. Ich schaffte es schon noch, sonntags in die Kirche zu gehen, musste danach aber jedes Mal die Kleider ausziehen, duschen und frische Kleider anlegen.

Ich hatte auch Angst, dass der Tod an der Türklingel kleben könne. Immer wenn es an meiner Wohnungstür klingelte, bekam ich fast einen Herzschlag, denn ich wusste, dass ich nach dem Öffnen der Tür wieder stundenlang die ganze Wohnung putzen musste. Wenn es sein musste, habe ich schon Leute, zum Beispiel Handwerker, in meine Wohnung gelassen, aber ich habe die Wohnung danach immer stundenlang putzen müssen - und am Ende ist der Tod dann auch gar nicht mehr aus meiner Wohnung weggegangen. Besonders fürchtete ich mich auch davor, wenn jemand in meine Wohnung kam und die Schuhe auszog, weil ich dann immer Gedanken hatte, er könne auf einem Bett gelegen haben, in dem schon einmal jemand gestorben ist. Diese Gedanken gingen immer weiter, bis ins Unendliche!

All die vielen Jahre habe ich fast alles vermieden, was mir Freude gemacht hätte. Ich konnte leider nie auf schöne Ausflüge mitgehen, weil man vielleicht ein Kloster, wo ich den Tod fürchtete, besichtigt hätte. Wenn ich sah, wie andere Menschen in Gesellschaft lachten und sich frei bewegen konnten, war ich immer traurig. Das hätte ich mir so sehr auch für mich gewünscht, doch ich wurde von Gedanken geplagt und hatte Angst vor dem vielen Putzen und Duschen nach solchen Treffen.

Ich habe sehr gelitten, mich geschämt und mir von anderen Menschen Demütigungen wegen meines Verhaltens anhören müssen, was mich sehr verletzte. Dass es bei mir mit dem Tod ungefähr so war, wie wenn jemand große Angst vor Bakterien hat, konnte keiner verstehen, auch nicht die Psychologen, die ich vor meiner Verhaltenstherapie hatte. Ich konnte es nicht anders erklären. Also habe ich im engeren Kreis bald nur noch gesagt, dass ich eine Phobie vor dem Friedhof hätte.

Vor meiner Verhaltenstherapie mit Expositionen im Alter von 80 Jahren hatte ich zahlreiche Psychiater und Psychologen gesehen, viele Therapien und Coachings gemacht, „Methoden" ausprobiert und dafür viel Geld ausgegeben. Nichts hatte etwas gebracht. Ein Jahr vor meinem Therapiebeginn in der Spezialklinik für Zwänge war ich sogar noch mit der Diagnose „Depression" in einer anderen Klinik, wo sie keine Expositionen mit mir machten. Dort schickten sie mich einfach allein auf den Friedhof, weil ich das jahrelang vermieden hatte, und sagten mir: „Wenn ein Gedanke kommt, einfach ‚Stopp!' rufen."

Wie ich nach 50 Jahren Zwänge endlich die richtige Hilfe fand

Zufällig sah ich Ende 2017 im Fernsehen einen Bericht von einer Frau mit Waschzwängen, die zur Therapie in einer Spezialklinik für Zwänge war. Daraufhin bin ich gleich ins Internet und habe unter dem Begriff „Waschzwang" überall in meiner Nähe eine Selbsthilfegruppe gesucht. Ich hatte Glück! In der Zwang-Selbsthilfegruppe lernte ich endlich andere Menschen mit Zwängen und Elke Atzpodien kennen. Elke gab mir viel Hoffnung, denn sie erzählte, wie sie selbst durch ihre eigene Verhaltenstherapie mit Expositionen in einer Tagesklinik und dann ambulant ihre starken Zwänge überwunden hatte. Wir verstanden uns sofort und sind bis heute in Kontakt und gut befreundet.

Nachdem ich in der Selbsthilfegruppe erfuhr, wie gut eine Verhaltenstherapie mit Expositionen bei Zwängen wirkt, habe ich gleich einen ambulanten Verhaltenstherapeuten aufgesucht, der angeblich auch Zwangsstörungen therapiert. Dieser Psychologe kam aber von Anfang an mit immer neuen Vorwänden, warum er mit mir keine Expositionen machen könne: Er wisse nicht, wie man das abrechnet, und ich müsse wegen meines Alters erst mein Herz untersuchen lassen, denn Expos gingen nur mit einem gesunden Herzen. Nachdem ich mein Herz untersuchen lassen hatte und es gesund war, sagte er, dass er trotzdem keinesfalls für Expos zu mir nach Hause käme. Zu Expositionen mit diesem „Spezialisten" kam es dann auch gar nicht mehr. Elke und ich haben nämlich zusammen überlegt, dass es für mich am besten wäre, erst einmal in eine Spezialklinik für Zwangsstörungen zu gehen.

Auch durch den Fernsehbericht hatte ich gehört, dass es Kliniken gibt, die auf Zwangsstörungen spezialisiert sind. Zusammen mit Elke schauten wir dann nach den Adressen und ich habe verschiedenen Kliniken angerufen. Die Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee hat mir gleich Prospekte geschickt und alles mit der Krankenkasse geregelt. Ich war erleichtert und sehr dankbar, denn endlich bekam ich die Chance auf die richtige Therapie für meine Zwänge.

Mit 80 Jahren zur Verhaltenstherapie mit Expositionen in der Klinik

Im Alter von 80 Jahren und nachdem ich schon 50 Jahre lang an Zwängen gelitten hatte, begann in der Schön Klinik Roseneck mein neues Leben. In der Klinik sagte keiner, dass eine Verhaltenstherapie mit Expositionsübungen in meinem hohen Alter ein Hindernis und unmöglich sei oder sich nicht mehr lohne. Im Gegenteil! Hier wurde ich ernst genommen, man gab mir eine Chance, hatte Hoffnung für mich. Auch ich selbst hatte große Hoffnung und wusste schon beim Eintritt in diese Klinik, dass es jetzt „ernst" wird, dass ich hier „Expo machen" würde. Das hatte ich von Elke in der Selbsthilfegruppe gehört und auch in dem Fernsehbeitrag gesehen. Darauf habe ich mich dann eingelassen.

Dieser Klinikaufenthalt ist nun drei Jahre her und ich erinnere mich gut: Beim Eintritt in die Klinik wusste ich, dass die Verhaltenstherapie mit Expos wirkt und so hatte auch ich den sehnlichsten Wunsch, in dieser Therapie nun selbst freier von den Zwängen zu werden.

Meine Therapeutin in der Klinik war sehr nett und kannte sich gut aus. Sie hat viele Expositionen mit mir gemacht, oft auch auf meinem Zimmer in der Klinik. Es war harte Arbeit und ich habe während dieser ersten Expositionen oft „Rotz und Wasser geheult", da mir so viele Erinnerungen an meine Kindheit kamen. Meine Zwänge könnten durch das ausgelöst worden sein, was ich als Kind im Krieg erlebt hatte. Es brach bei mir richtig von innen nach außen heraus und ich habe der Therapeutin alles erzählt: vom Krieg und wie einsam ich als Kind gewesen war, denn meine Mutter hatte ihre eigenen Ängste und mit sich selbst zu tun wegen meines Vaters im Krieg.

Die Expos fand ich schwer, auch weil ich sie während meiner Zeit in der Klinik immer wieder üben musste. Es war jedes Mal anstrengend, aber letztlich sehr befreiend. Ich denke, dass ich die Kraft für die Expos hatte, weil ich trotz meines Alters noch viele Ziele habe, die ich im Leben erreichen möchte: meine Familie wieder in der Wohnung haben zu können, mich überall mit Menschen zu treffen, zu wandern, reisen und vieles mehr.

Ich fand es sehr schön und mir tat es gut, mit meinen Mitpatienten zusammen in der Klinik zu sein. Wir haben auch viel miteinander unternommen. Ich muss immer noch lachen, wenn ich daran denke, wie mich die jungen Menschen an einem Wochenende sogar mit in die Disco genommen haben, wo wir bis spät in die Nacht getanzt haben. Mir hat es sehr geholfen, offen mit den Menschen, denen ich traue, über die Zwänge und Therapie zu reden.

Auch auf die hilfreichen Therapiegespräche mit Herrn Prof. Dr. Voderholzer, dem ärztlichen Direktor der Schön Klinik Roseneck, habe ich mich immer sehr gefreut. Er war so herzlich und verstand nicht nur viel von Zwängen, sondern auch meinen alemannischen Dialekt, den ich bei ihm reden konnte. Prof. Voderholzer setzt sich auch in der Öffentlichkeit sehr für Menschen mit Zwängen ein. Diese Aufklärungsarbeit finde ich sehr wichtig - denn 50 Jahre sollte niemand auf die richtige Therapie warten müssen.

Nach dem Klinikaufenthalt übe ich weiter und lebe endlich MEIN Leben

Motiviert durch meine schönen Erfolge in der Klinik, habe ich nach meinem Austritt gleich allein zu Hause oder zusammen mit meiner neuen, engagierten, ambulanten Therapeutin weitergeübt. Diese nette, auf Zwänge spezialisierte Verhaltenstherapeutin kam für die Expositionen sogar mehrmals zu mir nach Hause und wir gingen auch auf den Friedhof und ins Krankenhaus.

Besonders schön ist, einen anderen Menschen in der Nähe zu habe, der das gleiche wie ich hat. Seit meinem Austritt aus der Klinik treffen Elke und ich uns oft. Natürlich haben wir auch schon viel zusammen geübt, zum Beispiel in Kirchen, auf Friedhöfen, im Altersheim, Krankenhaus, in Zügen, Flugzeugen, bei Stadttouren, in Hotels, bei den DGZ-Kongressen in Dresden und Bochum oder einfach in Cafes, wo wir extra mit unseren „Geldfingern" gegessen haben, um dem Zwang zu zeigen, dass wir mit „Restrisiko" leben können. Wir haben Spaß an unseren gemeinsamen Expositionen im Leben und an unserer neuen Freiheit.

Ich bin sehr dankbar, wie sich bei mir alles entwickelt hat: durch die richtige Hilfe und weil ich mich im Alter von 80 Jahren noch auf die Expositionen eingelassen habe. Daheim bin ich jetzt befreit und kann mit Freude Besuch empfangen, die Wohnungstür öffnen, ohne immer einen Riesenschreck zu bekommen und danach die ganze Wohnung putzen zu müssen. Jetzt freue ich mich, wenn es klingelt. Ich genieße inzwischen sehr, wenn Menschen, besonders meine Familie, zu mir in die Wohnung kommen, auch wenn sie die Schuhe ausziehen und wenn mein Urenkel am Boden sitzt. Es ist so schön. Wenn nun etwas auf den Boden fällt, kann man es einfach ganz normal wieder aufheben.

Momentan habe ich kaum mit dem Zwang, sondern wegen meines Alters fast nur mit den Schmerzen im Rücken und in den Knien zu tun. Dann kommen mir öfters auch Gedanken, ob das wieder einmal besser wird und wie es wohl weitergeht. Ich möchte ehrlich sein: Wenn die Schmerzen heftig sind und es mir schlecht geht, muss ich sehr aufpassen, denn dann kommen auch wieder mehr Zwänge. Obwohl mir in solchen Momenten Zwangsgedanken kommen, gehe ich dann trotzdem mit auf Ausflüge und mache keine Ausreden, fasse alles an, setze mich überall hin, danach auch auf mein Bett, dusche nicht ständig vor dem Zubettgehen und ziehe meine getragenen Kleider am nächsten Tag wieder an. Inzwischen gehe ich auch so viel wie möglich am Friedhof vorbei. Aber auch jetzt noch muss ich mir manchmal einen Schubs geben, um den Friedhof nicht zu vermeiden. Oder mir kommt der Gedanke, ich müsse die Kleider wechseln, was ich dann aber nicht mache. Das habe ich in meiner Verhaltenstherapie gelernt.

Ich glaube nicht, dass die „unschönen" Gedanken und Gefühle je ganz weggehen. Wenn jetzt jemand zu mir käme und erzählen würde, es sei gerade jemand gestorben, käme mir immer noch Herzrasen. Aber ich könnte nun viel besser damit umgehen. Dann würde ich sagen: „Ich habe jetzt gerade ein wenig mit mir zu tun." Ich würde erst einmal warten, bis das Herzrasen vorbeigegangen ist und nicht weiter auf den Gedanken oder die Gefühle reagieren. Inzwischen weiß ich nämlich, dass der Drang zur Zwangshandlung mit der Zeit „verfliegt" und dass ich es schaffe, das auszuhalten.

Das möchte ich euch ans Herz legen

Ich hoffe, ich konnte euch Mut machen, dass es auch im hohen Alter und nach vielen Jahren Zwänge noch Wert hat, eine Verhaltenstherapie zu machen. Besonders möchte euch ans Herz legen: Versucht, euch auf die Therapie einzulassen, aber gleich an einer auf Zwänge spezialisierten Stelle, wo man eine Verhaltenstherapie mit Expositionsübungen macht! Andere Therapien und „Methoden" bringen es meiner Erfahrung nach nicht. Ich glaube, dass nur ganz wenige es schaffen, allein aus dem Zwang zu kommen. Ich wünsche euch viel Kraft dabei, euer Leben in die Hand zu nehmen und zu suchen, bis ihr die richtige Therapie für Zwänge findet, wo man Expos mit euch macht. Expos sind harte Arbeit und man muss das selbst wollen, aber es wird einem so belohnt.

Theresa, 83 Jahre

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