Erst Ängste, dann Zwangsgedanken (ROCD). Es wird besser!

Von Julius, 38 Jahre

Ich bin Julius, Ende 30, und von außen betrachtet kann man wahrscheinlich sagen, dass ich erfolgreich bin und mit beiden Beinen im Leben stehe. Ich bin Leiter einer Firma mit Angestellten, die ich über Jahre selbst aufgebaut habe und in der ich gutes Geld verdiene. Ich bin seit weit über 10 Jahren mit meiner Freundin, mittlerweile Frau zusammen, lebe in einer schönen Wohnung und bin Teil der Gesellschaft. Schon mein ganzes Leben kämpfe ich aber in meinem Kopf mit Ängsten und Zwangsgedanken. Letztere waren mir sehr lange nicht bewusst, da die Problematik der Ängste größer erschien. Die Ängste waren vor allem um 2010-2012 besonders schlimm, ich konnte mir aber mit Lesen von Selbsthilfebüchern und konsequenter Konfrontation soweit selbst helfen, dass ich meinen Alltag gut bewältigen kann. Am Ende hängt bei mir beides auch zusammen. Die Grenze zwischen Angst und Zwangsgedanken ist fließend.

Im Jahr 2019 traf es mich jedoch wie ein Dampfhammer. Von heute auf Morgen. Da war er der Gedanke: "Ich liebe meine Frau nicht mehr". Heute weiß ich, dass es Ursachen dafür gab. Nicht für den speziellen Gedanken, sondern dass mein Kopf in den Überlebensmodus geschaltet hatte. Zu viel Arbeit, zu viele verdrängte und unterdrückte Emotionen und innere Leitsätze, die mich im Hamsterrad haben laufen lassen. Damals war da aber erstmal nur noch eins: Verzweiflung. Das konnte doch nicht sein. Ich liebe sie doch. Aber eben nicht. Oder doch usw. Es war, als wenn da diese laute Stimme war, die diesen Satz sagte und gleichzeitig irgendwo im Inneren noch etwas war, was das nicht wahrhaben wollte.

Ich ging erstmal den "normalen" Weg, wie ich ihn immer gegangen war: Ich versuchte mir Sicherheit zu holen, indem ich gegoogelt und gelesen habe. Ich habe angefangen, Beziehungsbücher zu lesen und überall nach Zeichen zu suchen, dass da doch nichts dran ist: Was denke ich, wenn ich sie sehe? Wie stehen meine Füße zu ihr? Warum habe ich gerade keine Lust, Zeit mit ihr zu verbringen? Warum merke ich da gerade nichts? Warum schaue ich da diese andere Frau an und habe sexuelle/romantische Gedanken? Kurz: Ich habe mich nur noch in Gedankenspiralen bewegt und dabei immer nur im Kreis gedreht. Ich suchte Sicherheit, fand sie scheinbar kurz, nur um kurz darauf festzustellen, dass der Gedanke "mutierte" und die Sicherheit wieder weggewischt wurde.

Jedes Mal, wenn ich etwas Positives gelesen habe oder etwas Positives wahrgenommen habe (Juhu, ich überschlage die Beine in ihre Richtung, das muss ein Zeichen sein), wurden die Gedanken etwas ruhiger, nur um dann nach kurzer Zeit noch stärker zu zweifeln. Anstatt den Gedanken zuzulassen und dann zu schauen, was ich damit mache ... ihn vielleicht sogar einfach nur vorbeigehen zu lassen, weil es eben nur ein Gedanke ist ... habe ich ihn immer mehr versucht, wegzuschieben. Was einfach nur zur Folge hatte, dass er immer schlimmer wieder kam.

Das ganze führte für mich so weit, dass ich nachts im Arbeitszimmer lag und weinend mit mir selbst debattiert habe. An Arbeiten, Alltag bewältigen oder ähnliches war nicht mehr zu denken. Meine ganze Welt bestand nur noch aus Hoffnungslosigkeit, Ängsten und Zweifeln.

Auf diesen Zwangsgedanken kamen dann noch weitere geritten. Es war, als wenn mein Kopf Flipper spielt und sich ständig was neues ausdachte. Alle Gedanken drehten sich dabei um Sexualität und Beziehung. Es hatte praktisch nichts anderes mehr Platz. War der eine Gedanke weg, kam der andere und zwei Tage später nochmal ein neuer.

Dort war dann der Punkt, an dem ich eingesehen habe, etwas was mir schon immer sehr schwerfiel, dass ich mir alleine nicht helfen kann und Hilfe brauche. Meine Frau konnte das nicht. Sie war verständnisvoll und hat all die Dinge, die da hochgekommen sind, ertragen. Dafür bin ich ihr unendlich dankbar. Aber auch dafür, dass sie klare Grenzen gezogen hat. Sie hat mir klar gesagt, dass sie als Partner für mich da ist und Ehrlichkeit in einer Beziehung auch weh tun darf. Aber sie konnte keinesfalls meine Therapeutin sein und wollte das auch nicht. Hätte sie es versucht, hätte ich sie wahrscheinlich nur mit heruntergezogen.

Ich hatte Glück, in einer ersten Akutphase bei einem privaten Therapeuten, den ich aus einer (Jahre vorher statt gefundenen) kurzen Sitzung als Paartherapeut kannte und als sehr gut in Erinnerung hatte, schnell einen Termin bekommen zu haben. Das hat mir für den Anfang Stabilität gegeben, sodass ich dann in Ruhe einen Therapieplatz bei einer Verhaltenstherapeutin finden konnte. Seit über zwei Jahren bin ich nun in einer Therapie, die sich langsam dem Ende nähert. Und ich fühle mich mittlerweile tatsächlich gut und habe keine Angst, davor, dass die Therapie endet. Es hat ungefähr ein Jahr gedauert, langsam auf dieses Level zu kommen.

Für mich war der größte, schwierigste und beste Schritt nach einigen Monaten die Exposition. Ich habe die Sätze, die mir solche Angst machen, auf ein Diktiergerät gesprochen (im Beisein meiner Therapeutin) und hatte dann die Hausaufgabe, mir diese so lange anzuhören, bis die innere Anspannung nachlässt. Klassische Verhaltenstherapie: Mein Gehirn hat gelernt, dass an diesen Gedanken nichts Schlimmes ist.

Heute macht es mir nichts mehr aus, den Satz zu hören/zu denken: "Ich liebe meine Frau nicht mehr". Darauf bin ich sehr stolz, auch weil ich weiß, wie schwer der Weg dahin war. In den ersten Versuchen konnte ich den Satz kaum aussprechen und habe unter Tränen gestammelt. Schon nach wenigen Wochen hat sich ein massiver Erfolg eingestellt. Es wurde jedes Mal besser.

Wichtig war nur, dass ich dran blieb. Wenn ich meine Übung nicht gemacht habe, dann merkte ich, wie es regelrecht schlechter wurde. Mittlerweile kann ich nicht nur diesen Gedanken aushalten und vorbeigehen lassen (Überraschung: Seither taucht er fast gar nicht mehr auf), sondern merke auch, wenn andere Gedanken kommen und habe gelernt, mit diesen genau so zu verfahren.

Nein, meine Tendenz zu zwanghaften Gedanken (bzw. den Ängsten davor) ist genauso wenig weg, wie meine Ängste an sich. Am Anfang war das noch mein Ziel, aber mittlerweile weiß ich: Das ist weder möglich noch nötig. Es geht darum, einen gesunden Umgang damit zu lernen und den habe ich mittlerweile. Für mich ist es mittlerweile ein Signal, wenn solche Gedanken kommen. Ein Signal, dass ich wieder nicht gut auf mich acht gebe, vielleicht zu viel arbeite oder mir mal etwas Gutes tun sollte, weil es gerade auf emotionaler Ebene etwas gibt, was ich bearbeiten sollte (so wie es jedem Menschen manchmal so geht).

Und für alle, die gerade mittendrin in so einer Phase stecken und um ihre Beziehung fürchten. Ich kann heute auf diese knapp zwei Jahre Krise zurückblicken und sagen, dass diese auch etwas Gutes an sich hatte und etwas noch besseres hervorgebracht hat. Ich habe Dinge mit meiner Frau geteilt, die ich noch nie mit jemanden geteilt habe - das hat unsere Beziehung nicht etwa zerstört (auch wenn es zwischendrin beiden weh getan hat), sondern vertieft und verstärkt.

Ich habe eine Ehrlichkeit mir selbst gegenüber zugelassen, die ich nie für möglich gehalten habe und bin dadurch reflektierter, zufriedener und ausgeglichener geworden. Ich schäme mich nicht mehr dafür, weil es OK ist Dinge zu denken. Kann man eh nicht beeinflussen, aber man kann beeinflussen, was man dann damit macht. Seit ich die Möglichkeit wahrgenommen habe, unter therapeutischer Hilfe meine Themen anzugehen, hat sich meine Lebensqualität, genau wie unsere Beziehungsqualität massiv verbessert. Mittlerweile erwarten wir unser erstes Kind und wenngleich das natürlich ganz neue Nahrung für Ängste und komische Gedanken bietet :), freue ich mich darauf und bin mir sicher, dass es ohne diese Krise als Katalysator nie möglich gewesen wäre, mich so zu entwickeln.

Julius, 38 Jahre

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